The Carnival Is Over

Das Riesenrad dreht sich nicht mehr, die Buden sind weg. Wo früher eine Kirmes stand, sind nun Parkplätze, Einkaufszentren und Industriegebiete. So beginnt sie, die Klage des namenlosen Schaustellers in „Carnival“.

Zu verorten ist der Erzähler vermutlich in den USA. Seine Hauptaufgabe scheint vor allem zu sein, das schillernde, eigenbrötlerische fahrende Volk vorzustellen, das Personal des „Carnival“. Als ginge er von Bude zu Bude, reiht er die verschiedensten Persönlichkeiten an den Spiel- oder Fressbuden, dem Schaukampf und der Freak Show auf, erzählt davon, wie sie auf dem Jahrmarkt geboren wurden und aufwuchsen oder wie sie zufällig ihren Weg zu den „Kirmsern“ fanden und blieben – ein zwar zusammengewürfelter, aber in sich geschlossener Verbund.

Ihnen, den Schaustellern, sind die Jahrmarktsbesucher entgegengestellt, jene, die nur zum Vergnügen auf die Kirmes kommen, um sich vollzufressen, sich zu betrinken und um Spaß zu haben. Verächtlich schauen die Schausteller auf ihre Kundschaft, auf deren Geld sie angewiesen sind und für die sie eine ganze Reihe abschätziger Spitznamen haben, die „Steifen Jonnys“ mit ihren „Bälgern“, die „Marks“, die „Örtler“. Über die 119 Seiten des Romans erstreckt sich diese Gegenüberstellung des „Ihr“ und „Wir“ und aus dem Ton des Erzählers dringt tiefe Verachtung für die „Örtler“, die früher ihren Spaß auf der Kirmes haben wollten, die aber irgendwann die Lust daran verloren, weil sie dank Fernsehen und Internet nun nicht mehr aus dem Haus zu gehen brauchen, um sich zu amüsieren.

Mit seinem Debüt „Hool“ ist Philipp Winkler dafür bekannt geworden, einer sonst in der Literatur selten vorkommenden gesellschaftlichen Gruppe, den Hooligans, eine Stimme gegeben zu haben. Mit „Carnival“, so scheint es, unternimmt er den nächsten Versuch, einer Personengruppe eine Stimme zu geben, die sonst selten portraitiert wird. Doch leider mag dieses Mal das nicht wirklich gelingen. Abgesehen davon, dass die Kirmes, die der Ich-Erzähler in nostalgisch-verbitterten Farben malt, völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint (Freak Shows / Sideshows, Ringkämpfe) und eher wie eine Kreuzung aus Jahrmarkt und Zirkus wirkt (Messerwerfer, Schwertschlucker), bleibt die Front zwischen dem „Ihr“ und dem „Wir“ zu plakativ, der abschätzige Blick und die Anklage an das wegbleibende Publikum zu pauschal, zu verbittert und zu eindimensional.

Vor dem Hintergrund der lebendigen Volksfestkultur in Deutschland wirkt „Carnival“ wie ein Kampfschauplatz, den es hier überhaupt nicht gibt. Stattdessen ist es von trauriger Ironie, dass gerade jetzt, wenn dieses Buch erscheint, Schausteller reihenweise um ihre Existenz fürchten – aber mitnichten aufgrund der Unlust des Publikums, sondern weil die Corona-Pandemie ihnen einen Strich durch sämtliche Planungen gemacht hat. Corona hat dazu geführt, dass zahllose Schaustellerinnen und Schausteller seit den Weihnachtsmärkten im vergangenen Jahr keinerlei Umsatz mehr gemacht haben. Keine Frühlingsjahrmärkte, keine Volksfeste, kein Herbstjahrmarkt. Die Volksfestkultur in Deutschland ist nicht wegen der Unlust der Besucher zum Erliegen gekommen. Das Problem, die wegbleibende Kundschaft, mag das gleiche sein, aber der Auslöser ist ein völlig anderer.

Bleibt zu hoffen, dass Corona die Volksfeste nicht ganz auf dem Gewissen haben wird. Denn die „Örtler“ wären da.

♠ Philipp Winkler: Carnival. Aufbau Verlag 2020, 119 Seiten, gebunden, 14,- Euro. ISBN: 978-3-351-03828-1. ♠

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Der Dichter und sein Henker

Es war die öffentlich zelebrierte Hassliebe zweier großer Persönlichkeiten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts: die Verbindung zwischen dem Schriftsteller Günter Grass und dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Zwei Männer, deren Lebensläufe so völlig unterschiedlich verliefen, die über die Literatur aber trotzdem zueinander fanden und sich lieben und hassen lernten.

Volker Weidermann hat die Lebensgeschichten von Reich-Ranicki und Grass, ihre persönlichen und beruflichen Werdegänge und ihre kollegialen, freundschaftlichen und wuterfüllten Verbändelungen in „Das Duell“ nacherzählt. Linear beginnt er mit der Kindheit und Jugend beider, die vom Zweiten Weltkrieg jeweils auf ganz unterschiedliche Weise geprägt und gezeichnet wurden: Der eine, gebürtiger Pole, macht in Berlin sein Abitur und wird, anstatt studieren zu dürfen, aus dem Land geworfen, weil er Jude ist. Nur durch viele glückliche Zufälle überlebt er als einer von wenigen das Warschauer Ghetto. Der andere, sieben Jahre jünger und in Danzig geboren, will unbedingt in den Krieg ziehen, ist aber zu jung. Erst gegen Ende wird er endlich eingezogen, tritt siebzehnjährig und fest entschlossen der Waffen-SS bei – und wird dies fast sein gesamtes Leben über verschweigen. Erst über 60 Jahre später erzählt Grass davon; da ist er schon längst Literaturnobelpreisträger.

1958 treffen sich beide zum ersten Mal, Günter Grass hat seine Arbeit an der „Blechtrommel“ dort fast beendet, Reich-Ranicki zieht in jenem Jahr nach Deutschland und fasst dort Fuß als Literaturkritiker. Im darauffolgenden Jahr erscheint die „Blechtrommel“ und mit ihr eine vernichtende Kritik von Reich-Ranicki. Der Gongschlag zur ersten Runde in einem Zweikampf, den beide länger als ein halbes Jahrhundert austragen werden.

Gespickt mit vielen kleinen Anekdoten und mit einem umfangreichen Hintergrundwissen erzählt Volker Weidermann, welche Lebenswege und Schicksalsschläge die beiden Männer geprägt haben, auf welchen verschlungenen Wegen sie zueinanderkamen und wie sie sich zeitlebens nicht mehr voneinander lösen konnten. Ihr literarisches Duell fochten sie bis zum Tod aus. Über den manchmal etwas jovialen Ton kann man getrost hinweglesen, denn Weidermann gelingt eine spannende, mal dramatische, mal traurige, mal komische und durchweg interessante Biografie über ein sehr ungleiches Paar, über die Liebe zur Literatur, über ein Stück deutscher Literaturgeschichte und den Umgang mit der Schuld – der kollektiven und der persönlichen.

♠ Volker Weidermann: Das Duell. Kiepenheuer & Witsch 2019, 320 Seiten, gebunden, 22,- Euro. ISBN: 978-3-462-05109-4 ♠

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„Hugo ruft.“

Er ist ein Stück zerbrechliche Literatur: der Liebesbrief. Er kann Ausdruck der Sehnsucht, des Vermissens, der Vernarrtheit, der innigen Liebe sein, aber auch Zeugnis von Verbitterung, Verletztheit und Eifersucht. Er kehrt das Innerste nach außen und bannt es auf Papier, nur für einen Adressaten bestimmt.

Und doch werden manche Liebesbriefe irgendwann veröffentlicht. Der Band „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“, herausgegeben von Petra Müller und Rainer Wieland, versammelt Liebesbriefe berühmter Personen, von Schriftstellern, Schauspielerinnen, Königen, von Malerinnen, Journalisten, Musikern und Wissenschaftlerinnen, und legt damit Bruchstücke intimster Korrespondenzen aus insgesamt neun Jahrhunderten offen – angefangen bei einem Liebesbrief aus dem Jahr 1133 und endend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Friedrich Nietzsche macht einen spontanen Heiratsantrag und zieht ihn direkt schuldbewusst zurück, Jean-Paul Satre schreibt an seine „süße kleine Blume“ Simone de Beauvoir, Ludwig van Beethoven und Charles Baudelaire schreiben an unbekannt gebliebene Geliebte und Anaïs Nin überschüttet Henry Miller schriftlich mit anzüglichsten Liebesbekundungen, während aus dem Nebenzimmer ihr Ehemann ruft.

Ich möchte mit Dir so wilde Dinge tun, dass ich nicht weiß, wie ich sie sagen soll.
Hugo ruft. Ich werde den Rest des Briefs heute Abend beantworten.

Derweil sinniert ein liebestrunkener und eifersüchtelnder Fernando Pessoa:

Leb wohl; ich werde mich mit dem Kopf nach unten in einen Eimer legen, um meinen Geist auszuruhen. So machen es alle großen Männer – zumindest, falls sie haben: 1. Geist, 2. Kopf, 3. einen Eimer, in den sie den Kopf hineinstecken können.

Manche Briefe sind beschwingt, humorig und Ausdruck glücklicher Verliebtheit, andere zeugen von Wehmut, von Abschiedsschmerz und vom Scheitern. Persönlichste Kommunikation, die man nicht ohne ein seltsames Gefühl des Voyeurismus lesen kann. Eingerahmt werden die einzelnen Briefe von Begleittexten, die die Umstände des jeweiligen Dokuments erläutern, außerdem von einer Vielzahl an Fotografien, Malereien und von Faksimiles diverser Briefe. Neben dem Blick auf die Briefe und ihre Autorinnen und Autoren im Speziellen ist der Band aber auch eine Liebeserklärung an das Schreiben im Allgemeinen, an den persönlichen Brief, an die Handschrift und an Post, auf die man lange sehnsüchtig wartet und die teils viele hundert Kilometer zu ihrem Adressaten überwindet. Vielleicht – gerade jetzt – eine Form des Ausdrucks von Zuneigung in Zeiten räumlicher Trennung, die man wieder häufiger nutzen könnte.

♠ Petra Müller, Rainer Wieland (Hrsg.): »Schreiben Sie mir, oder ich sterbe«. Liebesbriefe berühmter Frauen und Männer. Piper 2016, 296 Seiten, gebunden, 42,- Euro. ISBN: 978-3492057943. ♠

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With Teeth

Erst verschluckte der Nebel die Landschaft, Die Vögel fielen desorientiert und angekohlt vom Himmel und starben. Dann kam die Sonne und mit ihr eine unerbittliche Hitze und alles verlor seine Farbe. Fell und Gefieder der Tiere wurden heller und heller, bis sie schließlich weiß waren.

In dieser lebensfeindlichen Landschaft lebt Skalde mit ihrer Mutter Edith. Beide verbindet das Ausgeschlossensein von den anderen, von jenen, die schon immer hier lebten und die alles von außen Kommende mit Missgunst und Ablehnung strafen. Auch Skalde wurde hier geboren, aber Edith kam vor vielen Jahren über den Fluss in die Gegend – und das obwohl die große Brücke über den Fluss, die einzige Verbindung, auch damals schon gesprengt war. Das macht sie beide zu Außenseiterinnen.

„Wieso haben sie Angst vor mir?“, fragte sie.
„Weil du nicht so bist wie sie“, antwortete ich.

Ausfallende Milchzähne sind es, die zeigen, dass man aus der Gegend ist, dass man kein Fremder ist, der nur Unheil bringt. Wenn die Milchzähne ausfallen, gehört man dazu. Mehr oder weniger. Denn zwar fielen Skalde die ersten Zähne aus, trotzdem war ihre Kindheit in dieser rauen, versprengten Gesellschaft alles andere als einfach. Doch der Mechanismus der Verdrängung scheint größer zu sein als die Einsicht über die lebensfeindliche Umwelt. Skalde hat sich mit ihrer Umgebung zurechtgefunden, es ist ihre Heimat. Bis sie ein Mädchen mit feuerrotem Haar allein im Wald findet und Skaldes Leben damit auf den Kopf gestellt wird. Denn das Mädchen ist keine von ihnen.

Atmosphärisch dicht handelt Helene Bukowskis Debütroman „Milchzähne“ von einem Leben auf der Flucht vor dem Klima, von dem Versuch der Anpassung an die Erbarmungslosigkeit der Hitze, an die Schroffheit der Menschen in einer Art von klimatischer Präapokalypse. Es ist ein Roman über die schwierige Definition von Heimat, der anschaulich das Außenseitersein beschreibt, das Ausgestoßenwerden und den Rückfall der Menschen in Aberglauben und tiefes Misstrauen, sobald die Ressourcen knapp werden. Und „Milchzähne“ ist die Geschichte einer schwierigen Mutter-Kind-Beziehung, von Brutalität, Apathie und der Liebe zur Literatur, von Verlust und Fürsorge.

Die kurzen Sätze und die schnelle Art des Erzählens machen den Roman zu einem temporeichen Debüt, das auf mehr hoffen lässt – auf viel, viel mehr, nach diesen 220 viel zu schnell durchflogenen Seiten.

♠ Helene Bukowski: Milchzähne. Blumenbar 2019, 256 Seiten, gebunden, 20,- Euro. ISBN: 978-3351050689. ♠

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De, de, de – wer, wie, was…

Deutsch Sprache, schwer Sprache. De Satz ist gut bekannt auch deutschsprachig Aufgewachsenen. Wie schwierig sich gestaltet de Deutschlernen fuer e Fluechtling, de kommt ila Deutschland und will beginnen hier e neu Leben, Abbas Khider schildert in sein „endgueltig“ Lehrbuch „Deutsch fuer alle“. Und er bleibt nicht nur bei de Schilderung, er anbietet ganz praktisch Vorschlaege, mit den de deutsch Sprache kann gestaltet werden weniger kompliziert und fuer Deutschlernende mehr zugaenglich.

Angefangen bei voellig ueberfluessig Woerter wie „der, die, das“ und „einer, eine, eines“, de werden zu „de, de, de“ und „e, e, e“, Khider geht ueber de Abschaffung min de Genitiv, min de Umlaute Ä, Ö, Ü und min de ß ila hin zu de Einfuehrung einig vereinfachend, aus de Arabisch entlehnt Praepositionen. De deutsch Sprache wird min Khider „grundsaniert“.

De immer wieder eingestreut Textbeispiele machen zu lesen de „Lehrbuch“ anschaulich und gleichsam amuesant. Lohnend ist auch de Einblick in die viel Stolpersteine, de gelegt werden de Deutschlernende und vor allem deutschlernend Fluechtlinge in de Weg – und damit sind gemeint nicht nur sprachlich, sondern auch zwischenmenschlich Stolpersteine. Schmerzlich vermisst man am Ende allerdings zumindest e vollstaendig in Neudeutsch verfasst Kapitel, de transportiert anschaulich gleichsam Inhalt und neu geschaffen Form. Auch gibt es sicherlich de e oder ander Stelle, an der klar wird schon in de Beispieltext, dass mit de neu Regeln entstehen können vielleicht ungewollt Missverstaendnisse.

Trotzdem: E kurzweilig Lektuere fuer an Sprachspiele Interessierte und auch fuer all, de bekommen wollen e klein Einblick in de Schwierigkeiten, als Auslaender de deutsch Sprache erlernen zu wollen. Dass Khider kassierte nach Erscheinen von de Buch e Shitstorm, weil manch e Deutscher sich getreten fuehlte offenbar auf de Schlips, laesst ein nur schuetteln beschaemt mit de Kopf.

♠ Abbas Khider: Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch. Hanser Verlag 2019, 128 Seiten, gebunden, 14,- Euro. ISBN: 978-3446261709. ♠

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Wie eine Graphic Novel – ohne Bilder

Viel zu schnell durchgelesen ist dieses sowieso schon schmale Buch aus dem Rowohlt-Verlag: „Felix und Felka“ von Hans Joachim Schädlich. Auf gerade einmal 200, teils nur halb bedruckten Seiten spürt der Autor den letzten Lebensjahren des aus Osnabrück stammenden jüdischen Malers Felix Nussbaum und seiner Freundin, später Frau, Felka Platek, nach. Beide Maler verlassen Deutschland schon früh, zunächst für ein Stipendium in der Villa Massimo in Rom, das Felix Nussbaum 1932 erhielt, anschließend reisen sie weiter durch Italien, dann nach Frankreich und Belgien. Nach Deutschland, wissen beide, können sie nicht wieder zurück und sie leben in ständiger Angst um die Familien, die aus der Heimat nicht fliehen wollen oder können: Felix‘ Eltern in Deutschland, Felkas Eltern in Polen. Ihre Reise durch Europa ist begleitet von einem steten Gefühl der Heimatlosigkeit, der zunehmenden Mittellosigkeit und der fehlenden Perspektive, sowohl für das eigene Leben, als auch für das künstlerische Schaffen. Mit Auftragsarbeiten für Porzellanmalerei halten sie sich über Wasser, unterstützt von Freunden, die ihnen Obdach gewähren und ihre Kunst fördern, fühlen sich aber stets wie Getriebene, ruhelos und oft gereizt.

Schädlich erzählt die Geschichte von Felka Platek und Felix Nussbaum rigoros verknappt, reiht Hauptsatz an Hauptsatz, als handele es sich um ein Drehbuch mit Handlungsanweisungen, knappen Szenenbeschreibungen und kurzen Dialogen. Anfangs gewöhnungsbedürftig, ist diese verknappte Sprache eine große Stärke dieses Buchs: Die Beklemmung eines Lebens auf der Flucht vor dem Nazi-Regime bekommt gerade durch die Schnörkellosigkeit der Sprache eine erschreckende Unmittelbarkeit. Alles wird sehr komprimiert erzählt und auch künstlicher Spannungsaufbau wird vermieden, was dem beklommenen Gebanntsein beim Lesen allerdings keinen Abbruch tut. Es bedarf oft auch nicht vieler Worte, um die klaffenden Löcher zu beschreiben, die der Zweite Weltkrieg in die deutsche und die europäische Kultur und Gesellschaft gerissen hat.

Eine zusätzliche Stärke des Textes sind die in die Rahmenhandlung eingestreuten Originalzitate, unter anderem von Zeitzeugen und aus Briefen von Felix Nussbaum an Freunde und Förderer. Diese machen die Verzweiflung der Lage deutlich:

Gewiss, ich verstehe wohl, was Sie meinen, aber glauben Sie ja nicht, dass Fremde Heimat ist. Ob hier oder dort – ohne Echo zu schaffen ist bedrückend. Man steht zwischen unendlich vielen Bergwänden und ruft und schreit, und kein Echo klingt zurück. Bedrückend auch sind die vielen Bilder, die man gemalt hat und malt und stumm auf Mansarden und sonstigen Dachkammern herumstehen und sich langweilen.

(Felix Nussbaum in einem Brief aus dem Jahr 1937)

Daneben Schädlichs knapper Schreibstil:

Felix sagt:
«Die Kleins haben mich übrigens nach Buffalo eingeladen.
Ich will ihnen schreiben, daß mir das ein bißchen zu weit ist. Aber wenn hier in Belgien mal irgend so ein Nazi ans Ruder kommt, dann vielleicht.»
Felka sagt:
«Das sagst du so, aber dann ist es schon zu spät. Ich kann mir Amerika auch nicht vorstellen.»

Die Tragweite, die solche einfach wirkenden Dialoge haben, schwingt im Hintergrund immer mit. Oftmals erinnert der Schreibstil auch an jenen von Graphic Novels, in denen kurze Sätze die Szenerie beschreiben und in deren Bildern dann die Dialoge stattfinden – mit dem Unterschied, dass die Bilder hier gänzlich fehlen, was in Anbetracht der Geschichte und in dem Wissen um die in Auschwitz getöteten Maler eine zusätzliche Tragik erhält.

♠ Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka. Rowohlt Verlag 2018, 208 Seiten, gebunden, 19,95 Euro. ISBN: 978-3498064372. ♠

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„Alles hätte aber auch anders kommen können“

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, hatte die Großmutter am Rand der Grube zu ihr gesagt. Aber das stimmte nicht, denn der Herr hatte viel mehr genommen, als da war – auch alles, was aus dem Kind hätte werden können, lag jetzt da unten und sollte unter die Erde.

Mit diesen Sätzen beginnt der Roman „Aller Tage Abend“ und mit dem unfassbaren Schmerz einer jungen Mutter, die um ihre gerade verstorbene, nur acht Monate alte Tochter trauert. Das Kind ist in der Nacht erstickt, Vater und Mutter standen dabei und wussten sich nicht, wussten dem Kind nicht zu helfen, schrien sich an und sahen hilflos dabei zu, wie es aufhörte zu atmen. Nun trauert die Mutter, die nun keine Mutter mehr ist, um ihr Kind und trauert gleichzeitig um das Mädchen, die Frau, um die alte Dame, die das Kind hätte werden können. Ihr Mann indes kann mit dieser Situation nicht umgehen und flieht, bucht eine Passage auf einem Schiff nach New York und kehrt seinem alten Leben und seiner Frau den Rücken.

Doch: Alles hätte aber auch anders kommen können.

Treibende Kraft in Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ ist dieser Gedanke an das „Was wäre, wenn“. Wenn nur kleine Dinge anders gelaufen wären, wenn nur die ein oder andere Entscheidung anders getroffen worden wäre, dann wäre ein Leben plötzlich ganz anders verlaufen. Und so wird aus einem Leben, das früh zu enden droht, plötzlich eine Geschichte, die sich über ein ganzes Jahrhundert hinweg bis in die heutige Zeit erstreckt.

„Aller Tage Abend“ erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie aus Galizien und von ihrem Kampf ums Überleben, zur Jahrhundertwende, im Ersten, im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach. Ein mal sehr enges, mal sehr locker-distanziertes Band verknüpft die Töchter, Mütter und Großmütter der Familie, die jeweils ebenfalls Töchter, Mütter, Großmütter sind und werden, miteinander. Nach und nach offenbaren sich dem Leser dabei Familiengeheimnisse, die diese mit sich herumtragen, sie aber vor ihren Töchtern oder ihren Müttern verschweigen, seien sie noch so elementar. Spuren in die Vergangenheit werden verwischt, Geschichten mit ins Grab genommen, sodass die Kinder unwissend herumwandeln zwischen den Spuren ihrer Ahnen.

Die Themen, die Jenny Erpenbeck anreißt, sind groß, auch wenn sie teils nur kurz aufleuchten: das Schicksal von Auswanderern, die in der neuen Welt nicht bleiben dürfen und zurückgeschickt werden in den vermutlich sicheren Tod; Hungersnöte; der Holocaust; das Erinnern an die Toten und die Dinge, die nach dem Tod von ihnen bleiben; das Ende der DDR und der Umgang mit dem Wegbrechen eines bis dahin identitätsprägenden Staates; Mutter-Tochter-Beziehungen und ihre Innigkeiten und Verschrobenheiten, ihre Geheimnisse und ihre Vertrautheiten. All das kommt und geht und wird dabei stets bestimmt vom Schmetterlingseffekt:

Vielleicht müsste man einmal die Stärke des Luftzugs untersuchen, den so eine Seele beim Umherirren macht. Vielleicht werden auch hier, mitten in dieser Wüste, einmal Blumen wachsen, Tulpen vielleicht sogar, vielleicht wird die Anwesenheit unzähliger Schmetterlinge eines Tages einmal ebenso wirklich sein, wie es jetzt die Abwesenheit jeglicher Schmetterlinge ist, bei minus 63 Grad Celsius.

Auch wenn die Handlung mit den vielen Dramen, die diese Familie erschüttern, es hergeben würde, ist Jenny Erpenbecks Sprache nie zu emotionsheischend, nie rührselig oder kitschig. Stattdessen vollführt sie kunstvolle Sprachspiele, lässt beispielsweise Gedanken und Handlungen von Menschen ineinanderfließen, über Kontinente hinweg, weil sie etwas verbindet, von dem sie beide nicht loskommen, lässt abgebrochene Sätze und angedeutete Handlungen miteinander verschwimmen zu einem wabernden, mitreißenden Handlungsstrom, flicht immer wieder Gedankenströme von sehr zarter, flüchtiger Poesie ein und findet zwischen all der Härte der Handlung eine zarte Ausdrucksweise für eigentlich Ungeheuerliches – wie beispielsweise für Denunziantentum und Schreibtischtäter:

Vor vielen Jahren hat der eine das eine Wort gesagt, und der andere das andere Wort, Worte haben Luft bewegt, Worte wurden mit Tinte auf Papier geschrieben, wurden abgeheftet, Luft ist aufgerechnet worden mit Luft, und Tinte mit Tinte. Es ist schade, dass man die Grenze nicht sehen kann, an der Worte aus Luft und Worte aus Tinte sich in etwas Wirkliches verwandeln, ebenso wirklich wie eine Tüte Mehl, eine Volksmenge, die in Aufruhr gerät […]

„Aller Tage Abend“ ist eine kunstvoll konstruierte Familiengeschichte, die lange nachhallt. Lesenswert!

♠ Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend. Penguin Verlag 2017, 288 Seiten, Taschenbuch, 10,- Euro. ISBN: 978-3328102502 (Jahr der Erstausgabe: 2012). ♠

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Einfach mal die Klappe halten

Karim Mensy reicht’s. In Deutschland ist er als Asylbewerber gescheitert, er hat keinerlei Perspektive mehr und ist ausreisepflichtig. In Deutschland zu studieren, zu leben und zu arbeiten, davon hatte er geträumt, als er aus dem Irak floh, aber das alles wird er in Deutschland nicht können. Er hat daher Kontakte zu einem Schlepper aufgenommen, der ihn hoffentlich nach Finnland bringen wird. Doch bevor er abreist, stattet er der für ihn zuständigen Mitarbeiterin in der Ausländerbehörde, Frau Schmidt, noch einen letzten Besuch ab. Und sie, die sonst immer ohne jedes Mitgefühl über sein Schicksal entschieden hat wie über das von so vielen anderen Asylsuchenden, hat dieses Mal gefälligst zuzuhören. Also fesselt er sie an ihren Stuhl und klebt ihr den Mund zu. Und Karim kann sich endlich einen Joint anzünden und sich alles ungestört von der Seele reden.

Tragikomisch und beklemmend schildert Abbas Khider in „Ohrfeige“ die Perspektivlosigkeit und die daraus resultierende quälende Langeweile der im „Asylantenheim“ zufällig zusammengewürfelten Flüchtlinge verschiedenster Nationen Anfang der 2000er. Mit ihrem ungeklärten Aufenthaltsstatus ist ihnen nicht erlaubt, eine Arbeit aufzunehmen – nicht einmal einen Sprachkurs dürfen sie machen, sodass sie sich unter den Einheimischen dauerhaft wie Außerirdische fühlen, unfähig, Kontakte aufzubauen. Schul- und Studienabschlüsse aus ihren Heimatländern werden nicht anerkannt, quälend lange Monate vergehen zwischen dem Antrag auf Asyl und dem grünen Brief, der die Entscheidung dazu mitteilt. In diesen Monaten voll von erzwungener Untätigkeit verpuffen nach und nach sämtlicher Ehrgeiz und sämtlicher Elan, mit dem die Reise in ein neues Leben gestartet ist. Zurück bleiben Resignation und Frustration.

Was du sagst, interessiert in den Beamtenstuben kein Schwein. Das weißt du selbst. Jetzt seid ihr Iraker dran, wie einst die Jugoslawen nach dem Balkankrieg. Zuerst lässt man sie herein, nach dem Krieg schickt man sie ins Chaos zurück, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was aus ihnen wird.

Khider, der 1992 selbst aus dem Irak fliehen musste, porträtiert in seinem Roman das Unmenschliche und Unberechenbare der deutschen Behörden und die Stigmatisierung von Flüchtlingen, ohne aber den Blick auf die kriminellen Strukturen unter den in Deutschland lebenden Geflüchteten auszulassen. Es schildert die paradoxe Situation von Menschen, die sich ein neues Leben aufbauen wollen, die eine neue Sprache lernen und sich in einem neuen Land eine Existenz aufbauen wollen, die aber dazu gezwungen werden, rein gar nichts zu tun und auf unbestimmte Zeit zu warten, ohne Geld und ohne wirkliche Hoffnung. Einer von Karims Bekannten steigert sich in Fanatismus hinein, ein anderer wird wahnsinnig. Und Karim, der sich als „aufrichtiger Trottel“ seinen Weg zu bahnen versucht, fällt durch die Raster eines unpersönlichen Asylsystems.

Auch wenn die Handlung des Romans Anfang der 2000er stattfindet, ist „Ohrfeige“, gerade vor dem Hintergrund der Flüchtlingsbewegungen der letzten Jahre, auch heute noch aktueller denn je und ein gut gelungenes, lakonisches Porträt eines wütenden und resignierenden jungen Mannes auf der Suche nach einem Neuanfang.

♠ Abbas Khider: Ohrfeige. Hanser Berlin 2016, 224 Seiten, gebunden, 19,90 Euro. ISBN: 978-3446250543. (Auch als Taschenbuch erhältlich: btb Verlag 2017, 10,- Euro. ISBN: 978-3442714902.) ♠

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Wenn Eskalation zur Routine wird

Jeder, der einen Säufer zu Hause sitzen hat oder selber einer ist, kann sich denken, dass aus den Vorkommnissen dieser Nacht keine nennenswerten Konsequenzen gezogen worden sind, weder von mir noch von meiner Mutter noch von Gott oder dem Jugendamt oder von sonst irgendwem, es ging weiter, wie immer.

Charlies Mutter ist alkoholkrank und schizophren. Schon zu Grundschulzeiten muss Charlie sich um sich selbst kümmern, da ihre Mutter zumeist weder die Kraft noch das Interesse daran hat, für ihre Tochter zu sorgen. Für Charlie ist es bittere Normalität, dass sie von ihrer Mutter keine Fürsorge erfährt und dass sie sich auch nicht an sie wenden kann, wenn sie verletzt, verängstigt oder traurig ist. Stattdessen: Häusliche Gewalt und Alkoholismus, Armut, Verwahrlosung und Dreck und die immer schwelende Angst vor gewalttätigen Eskapaden im Rausch. Charlies Vater hat sich schon lange aus der Verantwortung herausgezogen. Nur zu Weihnachten und zum Geburtstag kommt er vorbei, um ein wenig Familie zu spielen und verschwindet dann genauso schnell wieder wie er gekommen ist. In der Grundschule hat Charlie mehr oder minder lockere Freundschaften; bei Iskender, ihrem engsten Freund, ist sie nach der Schule oft zu Hause. Als der Gegenbesuch ansteht, bricht Charlie in Panik aus, weil Iskender einen Einblick in die wahren Abgründe ihres Alltags zu Hause bekommen könnte – doch erstaunlicherweise schafft ihre Mutter es, für Iskenders Besuch genügend Heile-Welt-Theater zu spielen, dass die Illusion eines normalen Lebens zunächst bestehen bleiben kann.

Abseits von dem gelegentlichen Schauspiel ihrer Mutter findet Charlie die Andeutungen einer heileren Welt bei ihren Nachbarn Georg und Maria; sie wohnen im Bungalow gegenüber der Betonmietskaserne, in der Charlie und ihre Mutter leben. Wie besessen beobachtet Charlie ihre Nachbarn zu jeder nur möglichen Gelegenheit, schleicht sich in ihren Garten, versucht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, fühlt sich zu ihnen hingezogen, auch wenn der soziale Graben, der zwischen der Bungalow- und der Sozialwohnungsbau-Straßenseite verläuft, weit tiefer klafft als eine Bordsteinkantenhöhe.

Helene Hegemanns abgründige Erzählung einer durch Vernachlässigung und psychischer wie physischer Gewalt zerbrochenen Kindheit ist eingebettet in das Setting einer dystopischen, präapokalyptischen deutschen Großstadt kurz vor dem Ausbruch eines großen Krieges, von dem hier und da aus der Retrospektive berichtet wird, dessen Hintergründe aber rudimentär bleiben und als dem Leser bekannt vorausgesetzt werden. Das schafft die bedrohliche Kulisse eines Lebens ohne Perspektive in einer Welt ohne Zukunft, rückt aber auch den Fokus der Erzählung ein wenig zu stark auf ein großes Ganzes, das das eigentliche Drama im Kern dieses Romans unnötig klein werden lässt. Auch Charlies Beziehung zu Georg und Maria steht gerade zu Beginn des Romans unverständlich weit im Vordergrund und überschattet den eigentlichen Kern der Erzählung, bis es auf Seite 47 zum erlösenden „Jetzt also langsam zu mir.“ kommt. Ab dort aber ist „Bungalow“ ein starker Roman über den alltäglichen Überlebenskampf von Menschen am Existenzminimum, von Suchtkrankheit und einer Kindheit ohne einen behüteten Rückzugsort.

♠ Helene Hegemann: Bungalow. Hanser Berlin 2018, 288 Seiten, gebunden, 23,- Euro. ISBN: 978-3446253179. ♠

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Einsamkeit und Sex und Selbstmitleid

Depression, Globalisierungskritik, die Trauer um verflossene Liebschaften und völlige Ziellosigkeit – wenn man erst einmal die klassische, so langsam allerdings in die Jahre kommende Houellebecqsche Ficki-Ficki-Vulgarität, die die erste Hälfte dieses Romans zukleistert, überstanden hat, kann man zusammenfassen, dass diese Themen im Fokus von Michel Houellebecqs neuem Roman „Serotonin“ stehen. Ja, dafür muss man sich erst einmal durch eine ganze Tirade chauvinistischer Oberflächlichkeiten kämpfen, vorbei an Dingen, von denen man eigentlich nie lesen wollte – aber irgendwann, kurz bevor man alle Hoffnung fahren lassen möchte, wird der Roman tatsächlich lesbar.

Beruflich gescheitert bei dem Versuch, die negativen Folgen der Globalisierung für kleine Handwerksbetriebe und Landwirte abzuschwächen, spürt Protagonist Florent-Claude Labrouste seiner Vergangenheit nach: seinen Exfreundinnen und seinem Studienfreund, der selbst gerade als Milchbauer zu scheitern droht. Dabei wankt er stetig zwischen depressiver Traurigkeit und einem Zustand völliger Gleichgültigkeit hin und her und taumelt haltlos durch sein Leben, entlang der Stationen seiner Vergangenheit.

Die zweite Hälfte macht den Roman wirklich gut. Wenn, Antidepressivum sei Dank, Florent-Claudes Libido endlich zwangsabgeschaltet wird. Das rechtfertigt nicht die erste Hälfte, aber mit der muss man leben, wenn man Houellebecq lesen will. Mit Sicherheit gäbe es andere, bessere Formen, um insbesondere die globalisierungskritischen Themenstränge dieses Buchs in ihrer Drastik und ihrer Unaufhaltsamkeit angemessener darzustellen. Trotzdem wirken sie inmitten von Florent-Claudes Depressionszustand erstaunlich intensiv – vermutlich, weil man einfach froh ist, dem Genitaliengefasel temporär entkommen zu sein.

„Serotonin“ ist dadurch eher eine 330 Seiten starke Packungsbeilage zu Risiken und Nebenwirkungen eines Antidepressivums bei einem in einer tiefen Lebenskrise steckenden Chauvinisten. Kann man machen. Kann man so und so sehen. Ist halt Houellebecq.

♠ Michel Houellebecq: Serotonin. DuMont 2019, 336 Seiten, gebunden, 24,- Euro. ISBN: 978-3832183882. ♠

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