Einsamkeit und Sex und Selbstmitleid

Depression, Globalisierungskritik, die Trauer um verflossene Liebschaften und völlige Ziellosigkeit – wenn man erst einmal die klassische, so langsam allerdings in die Jahre kommende Houellebecqsche Ficki-Ficki-Vulgarität, die die erste Hälfte dieses Romans zukleistert, überstanden hat, kann man zusammenfassen, dass diese Themen im Fokus von Michel Houellebecqs neuem Roman „Serotonin“ stehen. Ja, dafür muss man sich erst einmal durch eine ganze Tirade chauvinistischer Oberflächlichkeiten kämpfen, vorbei an Dingen, von denen man eigentlich nie lesen wollte – aber irgendwann, kurz bevor man alle Hoffnung fahren lassen möchte, wird der Roman tatsächlich lesbar.

Beruflich gescheitert bei dem Versuch, die negativen Folgen der Globalisierung für kleine Handwerksbetriebe und Landwirte abzuschwächen, spürt Protagonist Florent-Claude Labrouste seiner Vergangenheit nach: seinen Exfreundinnen und seinem Studienfreund, der selbst gerade als Milchbauer zu scheitern droht. Dabei wankt er stetig zwischen depressiver Traurigkeit und einem Zustand völliger Gleichgültigkeit hin und her und taumelt haltlos durch sein Leben, entlang der Stationen seiner Vergangenheit.

Die zweite Hälfte macht den Roman wirklich gut. Wenn, Antidepressivum sei Dank, Florent-Claudes Libido endlich zwangsabgeschaltet wird. Das rechtfertigt nicht die erste Hälfte, aber mit der muss man leben, wenn man Houellebecq lesen will. Mit Sicherheit gäbe es andere, bessere Formen, um insbesondere die globalisierungskritischen Themenstränge dieses Buchs in ihrer Drastik und ihrer Unaufhaltsamkeit angemessener darzustellen. Trotzdem wirken sie inmitten von Florent-Claudes Depressionszustand erstaunlich intensiv – vermutlich, weil man einfach froh ist, dem Genitaliengefasel temporär entkommen zu sein.

„Serotonin“ ist dadurch eher eine 330 Seiten starke Packungsbeilage zu Risiken und Nebenwirkungen eines Antidepressivums bei einem in einer tiefen Lebenskrise steckenden Chauvinisten. Kann man machen. Kann man so und so sehen. Ist halt Houellebecq.

♠ Michel Houellebecq: Serotonin. DuMont 2019, 336 Seiten, gebunden, 24,- Euro. ISBN: 978-3832183882. ♠

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