Einstürzende Neubauten

November 1918: Nach vier langen Jahren ist der Erste Weltkrieg vorbei. Die Monarchie ist am Ende, der Kaiser flieht ins Exil und in den bisherigen Fürstentümern in Deutschland entsteht ein Machtvakuum, das es zu füllen gilt. In dieser chaotischen Zeit direkt nach dem Krieg wird auch in Bayern die Monarchie gestürzt und die 900-jährige Regentschaft der Wittelsbacher findet im Taumel der „Weltrevolution“ und mit der Ausrufung des Freistaates Bayern ein jähes Ende.

Schmelztiegel aller politischen Strömungen in Bayern Ende 1918 ist München. Die Euphorie und der Revolutionswille sind groß nach Kriegsende und die Revolutionäre, die nun versuchen, die Oberhand in München zu gewinnen, drängen auf radikalen Umbruch, alle auf ihre eigene Weise. Kommunisten, Sozialisten, Spartakisten, Anarchisten, Monarchisten, Nationalisten, sie alle streiten sich um die Vorherrschaft im Land und um die Hoheit über das bayerische Volk. Mitten im Geschehen: Literaten wie Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke.

Und was „1913“ von Florian Illies für das Jahr vor dem Ersten Weltkrieg ist, ist „Träumer“ von Volker Weidermann für das Jahr danach, fokussiert auf die Geschehnisse im neuen Freistaat Bayern: „Träumer“ schildert die großen politischen Umwälzungen jeder Zeit und setzt die intellektuelle Elite des Landes in den Mittelpunkt der Erzählung, ihre Gedanken, ihre Einschätzungen, ihre Taten. Wie der Titel schon besagt, ist der Roman aus der Blase der intellektuellen Träumer jener bewegten Monate heraus geschrieben, utopieverliebter Revolutionäre, die sich an Räterepubliken und Demokratien versuchen, ohne je vorher in einer solchen gelebt zu haben. Die sich mit ihren revolutionären Ideen nach oben kämpfen, nur um kurze Zeit später schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden.

„Träumer“ ist ein mitreißendes Werk über eine Zeit, in der sich die Machtverhältnisse von einem Tag auf den anderen schlagartig um 180 Grad drehen konnten. Es vermittelt dabei nicht nur einen Überblick über die geschichtlichen Ereignisse jener Monate, sondern auch teils erwartbare, teils ungewöhnliche Einblicke in die politischen Ansichten diverser Schriftsteller. Erschreckend ist beispielsweise der völlig selbstverständliche Antisemitismus, der bei vielen teils ganz unverblümt zum Vorschein kommt, so auch in diversen Tagebuchaufzeichnungen von Thomas Mann, der sich in seinem Tagebuch jener Zeit sowieso als ein politisches Fähnlein im Winde herausstellt. „Träumer“ beschreibt die politische Landschaft eines Sandkastens, in dem ständig und in kürzester Zeit neue Traumschlösser entstehen, die vom nächsten umgehend radikal und unversöhnlich in Grund und Boden gestampft werden. Ein spannender Roman über eine immens spannende Zeit.

♠ Volker Weidermann: Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen. Kiepenheuer & Witsch 2017, gebunden, 288 Seiten, 22,- Euro. ISBN: 978-3462047141. ♠

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Gegen das Wegschauen

Manchmal bedarf es langer und mühsamer Recherche, um aus bruchstückhaften Überlieferungen der eigenen Familiengeschichte ein umfassenderes Bild zu formen. Kolja Mensing hat mit „Fels“ eine solche Rechercheleistung vollbracht. In zahlreichen Gesprächen mit seiner Großmutter hat er nach und nach immer mehr Erinnerungen an ihre Jugend während der NS-Zeit gesammelt und diese mit Nachforschungen aus Archiven, Zeitungen, alten Briefen und Postkarten zusammengefügt, Puzzlestück für Puzzlestück. Entstanden ist dabei ein wichtiges Buch über das Erinnern und das Verdrängen.

Mensings Großmutter erzählt gern von früher, insbesondere die romantischen Geschichten darüber, wie sie Mensings späteren Großvater kennenlernte, wie sich die beiden heimlich verlobten und mitten im Krieg auch heirateten. Im Zentrum von Mensings Buch steht allerdings nicht nur die Geschichte seiner Großeltern, sondern insbesondere die von Albert Fels, einem jüdischen Bekannten der Familie, dessen Name in einem der Telefonate mit seiner Großmutter nur eher zufällig fällt, der Mensing aber sofort aufhorchen lässt.

Meine Großmutter hatte aus dem Krieg eine Liebesgeschichte gemacht, und ich hörte ihr gern zu […]. Sie hatte die Gabe, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. […] Erst als sie Albert Fels erwähnte, den alten Knecht, der hinter dem Haus ihres Onkels nachmittags gern auf der Bank vor der Scheune saß, fiel ein Schatten auf die Geschichte meiner Großmutter.
Fels, sagte sie, war Anfang des Krieges verschwunden. Er hatte wieder einmal tagelang zu viel getrunken, und schließlich fiel er ins Delirium und wurde in die Heil- und Pflegeanstalt in O. eingewiesen. Im Dorf hörte man nie wieder von ihm.
Man weiß ja, was damals passiert ist, sagte meine Großmutter […].

Nun hätte der Enkel es darauf bewenden lassen können, aber das Interesse an Albert Fels, über den die Großmutter so wenig Konkretes zu berichten hatte, war geweckt. Jede noch so kleine Erinnerung der Großmutter an Fels, an dessen Lebensgeschichte und Lebensumstände lässt Mensing sich erzählen. Er merkt aber auch, dass er oftmals nur die eine Seite der Medaille hört, die kurze, einfache, die schöngefärbte Variante der Erinnerung. Er macht sich daher ergänzend auch auf anderen Wegen auf die Suche und trägt aus unterschiedlichsten Quellen Informationen über die sich verschlechternden Lebensumstände der jüdischen Bevölkerung in Deutschland allgemein, aber auch über die eigene Familiengeschichte und die von Albert Fels zusammen. Und je tiefer er gräbt, desto tiefer sind auch die Abgründe, die sich auftun.

Kolja Mensing hakt in seinem autobiografischen Roman „Fels“ insbesondere an den Stellen nach, an denen die Zeitzeugen-Generation durch Verdrängungsmechanismen das Wegschauen und Wegdenken geübt hat. Es lässt erahnen, wie schier zahllos die Erinnerungen der Kriegsgeneration eigentlich sein müssten, an Menschen, die zunächst Freunde, Bekannte, Nachbarn, Kollegen waren, die dann argwöhnisch beobachtet, gemieden, enteignet, verschleppt und ermordet wurden. Und es lässt vermuten, dass kaum jemand geglaubt haben kann, die jüdischen Mitbürger seien einfach so verschwunden, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wohin sie verschwunden sind. Stattdessen wichen die Gedanken an sie anderen, leichteren Erinnerungen.

Kolja Mensing macht dadurch deutlich, wie der NS-Staat überhaupt von der obersten Ebene bis hinunter zur kleinen Dorfgemeinschaft funktionieren konnte. Sein Buch zeugt von der Suche nach einem Sündenbock, der in der jüdischen Bevölkerung gefunden wurde, vom kollektiven Wegschauen und von mehr und mehr Gleichschaltung im totalitären NS-Regime. Es zeigt, wie tief die perfide Ideologie der Nazis in die Denkweise der Bevölkerung hineingesickert ist, bis sie das ganze gesellschaftliche Miteinander durchdrungen hatte. Und der Roman zeugt von der selektiven Erinnerung der Mitläufer, die weggeschaut oder gar mitgejubelt haben, die durchaus mitbekommen haben, dass die jüdischen Bewohner ihrer Orte vertrieben wurden oder verschwanden, die die Erinnerung an sie aber nicht wachgehalten, sondern verdrängt und vergessen haben.

Gerade derzeit, wo vom Fremdenhass geprägter Jargon wieder salonfähig zu werden droht, ist dieses Buch wichtiger denn je. Denn lange ist dieses Kapitel der deutschen Geschichte wirklich noch nicht her. Umso wichtiger ist es, dass sich die Geschichte nie mehr wiederholt.

♠ Kolja Mensing: Fels. Verbrecher Verlag 2018, 176 Seiten, broschiert, 16,- Euro. ISBN: 978-3957323408. ♠

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„And I learned quite a lot when I was young“

Das kleine Mädchen, von den Großen Meta genannt, sitzt auf dem Grund des alten Regenfasses und schaut in den Himmel. Der Himmel ist blau und sehr tief. Manchmal treibt etwas Weißes über dieses Stückchen Blau, und das ist eine Wolke. Meta liebt das Wort Wolke. Wolke ist etwas Rundes, Fröhliches und Leichtes.
Meta sitzt strafweise im Regenfass. Sie hat die Großen bei der Heuernte gestört und geärgert. Sie ist zweieinhalb Jahre und kann nicht über den Fassrand blicken; eingefangen, festgehalten und eingesperrt zu werden ist das Schlimmste, was es gibt.

So beginnt der Roman „Himmel, der nirgendwo endet“ und so ist Metas Kindheit: ein ständiges Auf und Ab der Gefühle; die Euphorie über neue Entdeckungen, immer im Wechsel mit der Frustration und der Wut darüber, von den „Großen“, den Erwachsenen, in der eigenen Freiheit beschränkt zu werden.

Meta ist ein Kind mit schier endlos sprudelnder Phantasie. Alles, was sie findet, muss untersucht und probiert werden. Ihre besten Freunde auf dem Hof sind ein großer Stein und ein alter Birnbaum, ihre größten Feinde kommen nachts aus den Märchenbüchern heraus und lassen sie nicht schlafen – insbesondere der eiserne Ritter, der sich hinterrücks im Ofen versteckt, sobald ein „Großer“ kommt, weil Meta so schreit. Von den Geschichten vom Kriegsdienst in Russland und in Italien wiederum, die ihr Vater liebend gern erzählt, bekommt Meta nicht genug und träumt sich mit hinein in stundenlange Fußmärsche durch Eis und Schnee. Wenn nur ihre Mutter sie nicht immer so missbilligend behandeln würde, weil die wilde Meta so weit entfernt ist von dem braven Mädchen, das sie sein sollte…

„Himmel, der nirgendwo endet“ ist ein liebenswert anrührender Roman über den Zauber der Kindheit und über ein Mädchen, das gegen Rollenklischees aufbegehrt. Er erzählt Metas Geschichte von der jüngsten Kindheit bis an die Grenze der Pubertät und ist ein schillernder Bericht des steten Kampfes der kleinen, mutigen Heldin Meta gegen die schnöde Konvention und alles Profane. Die eigentlich längst verblassten Erinnerungen an unbeschwerte Kindheitstage malt der Roman neu an, mit bunten, leuchtenden Farben und dem zündenden Funken Verrücktheit. Kein Roman, bei dem es ein Skandal wäre, ihn nicht zu kennen (da sollte der Griff dann eher und unbedingt zu Marlen Haushofers „Die Wand“ gehen), aber ein Roman, den zu lesen es sich trotzdem auf jeden Fall lohnt.

♠ Marlen Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet. Aktuelle Ausgabe: List Taschenbuch Verlag 2005, 224 Seiten, Taschenbuch, 8,95 Euro. ISBN: 978-3548605722 (Jahr der Erstausgabe: 1966). ♠

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„Dumm klickt gut.“

„Kein Mensch ist mehr gezwungen, schwierige Entscheidungen zu treffen – denn in QualityLand lautet die Antwort auf alle Fragen: OK.“

Ja, so ist das in QualityLand, dem besten aller Länder. Hier muss man sich keine Gedanken mehr über irgendwas machen, denn die Systeme und ihre Algorithmen erledigen alles. Einkauf? Kommt von selbst per Drohne nach Hause. Partnersuche? QualityPartner kennt den perfekten Partner für Dich und hat schon einen Tisch für Euch zwei in Eurem Lieblingsrestaurant gebucht. WeltWeiteWerbung schreibt Dir die schönsten Clickbait-Nachrichten. „Ob die Nachrichten wahr oder falsch sind, interessiert dabei keinen. […] Dumm klickt gut.“

Bücher passen sich Deinem Lesegeschmack an, Werbung wird persönlich auf Dich zugeschnitten, die selbstfahrenden Autos wissen genau, wohin Du willst, fahren Dich und unterhalten sich dabei mit Dir. Wenn Du mal Unterstützung brauchst, sind Dein Staubsauger-Roboter, Dein sprechender Toaster, Dein Schnürsenkelbinder oder im Bedarfsfall auch Dein Liebesandroide nicht fern. Alles ganz einfach. Und bei dem Grad an Technisierung und der damit zwangsläufig einhergehenden geistigen Degeneration der Bevölkerung ist es kein Wunder, dass bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ein Androide antritt, der versucht, nicht mit dem Image eines Terminators, sondern vielmehr mit dem von Wall-E zu punkten.

Schöne neue Welt.

In QualityLand befindet sich jeder in seiner eigenen, von den größten Großkonzernen definierten filter bubble. Das Netz ist allgegenwärtig, jeder ist ausschließlich mit einem QualityPad und einem omnipräsenten digitalen Assistenten unterwegs, konsumiert Unmengen an Werbung und ist grundsätzlich herrlich oberflächlich.

Das Setting des Romans QualityLand wirkt, als wäre es aus allen möglichen Sience Fiction-Büchern oder -Serien zusammengepuzzelt, wie zum Beispiel 1984, Gattaca, Minority Report und diversen Folgen der britischen Serie Black Mirror. Marc-Uwe Kling setzt viele teils realistische, teils aberwitzige Ideen einer möglichen, nicht allzu fernen Zukunft zum durchaus annehmbaren Gesamtkonzept QualityLand zusammen. Die Basis für eine gelungene Gesellschaftssatire wäre damit vorhanden, würde nicht der teils sehr platte, klamaukige Humor so vielen Ideen so oft im Weg stehen. Was anfangs noch witzig ist, nimmt irgendwann einfach überhand. Jede gute Idee scheint mit einem Witz verbunden, der sie wieder abschwächt. Ärgerlicherweise führt das dazu, dass gerade die Stellen, die die Satire besonders stark machen würden, im Roman unterzugehen drohen, weil man irgendwann einfach nur noch auf den nächsten Gag wartet – als lese man das Bühnen-Script eines Stand-up-Comedians. Und irgendwann vermutet man hinter jeder Ecke das Känguru aus Marc-Uwe Klings Känguru-Chroniken – das dann tatsächlich auch selbstrefenziell um jene Ecke linst. Leider wirkt es in diesem Szenario aber fehl am Platz. Schade.

Schade auch, dass die zutreffendste Antwort auf die Frage, wie man den Roman QualityLand denn finden soll, wie bereits vorprogrammiert wirkt:

OK.

Besser aber auch leider nicht.

♠  Marc-Uwe Kling: QualityLand. Ullstein Verlag 2017, 384 Seiten, Hardcover, 18 Euro. ISBN: 978-3550050152 (dunkle Edition) bzw. 978-3550050237 (helle Edition). ♠

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Were diu werlt alle min…

[…] der König hatte für einen Moment überlegt, ob er sich das bieten lassen durfte, aber dafür waren Narren schließlich da, so gehörte es sich, wenn man König war. Die Welt behandelte einen mit Respekt, aber dieser eine durfte alles sagen.

So ist das, wenn man das Glück hat, ein Narr zu sein: Es herrscht Narrenfreiheit – zumindest wenn man schnell genug ist und weglaufen kann, falls es doch einmal zu brenzlig wird. Und der Held dieses Schelmenromans kann nahezu fliegen. Der Titel „Tyll“ legt es nahe: Hier handelt es sich nicht um irgendeinen Gaukler, sondern um einen, dessen Name die Jahrhunderte überdauert hat: Till Eulenspiegel.

Der Legende nach hat Till Eulenspiegel bzw. Tyll Ulenspiegel im 14. Jahrhundert gelebt. Daniel Kehlmann allerdings verlegt Tylls Lebensgeschichte in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, ins 17. Jahrhundert – eine Zeit also, in der die bäuerliche Landbevölkerung in weiten Teilen so oder so noch ähnlich arbeitet und lebt wie dreihundert Jahre zuvor; ein Leben, das von Hunger, Armut und viel harter Arbeit geprägt ist. Tyll wächst auf in einer einfachen und zutiefst abergläubischen Dorfgemeinschaft, in der die Mystik eine wichtige Rolle spielt, in der Gegenstände, Zeichen und Sprüche magische Wirkung haben, in der aber die Fähigkeit, anderen zu helfen, gleichermaßen Misstrauen erregen und als Teufelswerk geächtet werden kann. Und eigentlich hat Tylls Leben einen vorgezeichneten Weg: Als Sohn des Müllers müsste er die Mühle übernehmen und wie alle anderen auch bis zum Ende seines Lebens von harter Arbeit, Grütze und Dünnbier leben. Doch es kommt anders und Tyll als Gaukler zum fahrenden Volk – und von dort aus führt ihn sein Leben durch alle gesellschaftlichen Stände der damaligen Zeit.

„Tyll“ ist ein gelungener Roman über das Ausbrechen aus gesellschaftlichen Konventionen in einer Zeit, in der sich kaum einer mehr an eine Zeit ohne Krieg erinnern kann. In einem zutiefst starren System kann Tyll sich als Spötter über Standesgrenzen und über die Dummheit seiner Mitmenschen hinwegsetzen.

Kalt ist es geworden, wahrscheinlich wird es gleich wieder regnen. Auch die Hinrichtung dieses Hexers wird nichts nützen gegen das schlechte Wetter, es gibt zu viele böse Menschen, alle gemeinsam sind sie schuld an der Kälte und den Missernten und der Knappheit von allem in diesen letzten Jahren vor dem Ende der Welt. Aber man tut, was man kann.

„Tyll“ ist ein Roman, der wütend macht auf das hilflose Ausgeliefertsein von Freigeistern in einer tumben Dorfgemeinschaft, auf die schräge Verflechtung zwischen Religion und Pseudo-Wissenschaften und den Jahrzehnte andauernden Krieg der Religionen in Europa. Und es ist ein Roman, der Spaß macht, weil er jenen begleitet, der der frühneuzeitlichen Bevölkerung den Spiegel vorhalten kann. Gleichzeitig ist „Tyll“ auch eine Geschichte über das Geschichtenerzählen selbst, über getrübte, gefärbte, geschönte Erinnerungen, über die Subjektivität, das Vergessen und das Verdrängen, in Geschichten und auch in der Geschichtsschreibung. Und ab und an ist „Tyll“ auch schlichtweg ein Roman mit Sätzen von einnehmender Klarheit und Schönheit:

Uns andere aber hört man dort, wo wir einst lebten, manchmal in den Bäumen. Man hört uns im Gras und im Grillenzirpen, man hört uns, wenn man den Kopf gegen das Astloch der alten Ulme legt, und zuweilen kommt es Kindern vor, als könnten sie unsere Gesichter im Wasser des Baches sehen. […] Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein. Der Tod ist immer noch neu für uns, und die Dinge der Lebenden sind uns nicht gleichgültig. Denn es ist alles nicht lang her.

„Wenn Sie in diesem Jahr nur ein Buch lesen“, sagte Denis Scheck in druckfrisch, „lesen Sie dieses.“ Das hat seine Berechtigung. Auch wenn es hoffentlich ein paar Bücher mehr werden.

♠  Daniel Kehlmann: Tyll. Rowohlt Verlag 2017, 480 Seiten, gebunden, 22,95 Euro. ISBN: 978-3498035679. ♠

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Die wunderbare Einfachheit, andere zu hassen

In einer ungewöhnlich heißen Sommernacht Mitte der Vierzigerjahre wird Lawrence Newman von einer Stimme aus dem Schlaf gerissen. Eine Frau – Newman vermutet anhand des Akzents eine Puerto-Ricanerin – wird vor seinem Haus von jemandem bedrängt und ruft um Hilfe, ruft nach der Polizei. Newman beobachtet die Szene. Schweigt. Schließt das Fenster und wartet ab, bis es draußen wieder ruhig ist, um sich dann müde und desinteressiert wieder ins Bett zu legen. Was geht ihn das Unglück anderer an:

Ihre Aussprache war für Newman ein Beweis, dass sie zu keinem guten Zweck bei Nacht unterwegs war, außerdem gab sie ihm die Überzeugung, dass sie selber auf sich Acht geben konnte, da sie ja an diese Art Behandlung gewöhnt sein musste. Die Leute aus Puerto Rico waren so etwas gewohnt, das wusste er.

New York, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Lawrence Newman, im medizinischen wie im übertragenen Sinne stark kurzsichtig, liebt es gern gleichgeschaltet und ordentlich. Und Lawrence Newman ist ein waschechter Rassist. Er sitzt gern in der U-Bahn und sortiert Menschen ihrem Aussehen nach unterschiedlichen Ethnien, Nationalitäten und Religionszugehörigkeiten zu. Er ist stolz auf seine genaue Wahrnehmung und sein Können, Kopfformen, Augengrößen, Hautfarben und so weiter miteinander kombinieren und die Menschen so auf Anhieb in die Schubladen einsortieren zu können, in die sie gehören. Hauptsache, er muss nichts mit ihnen zu tun haben. Was sollte er auch mit „solchen Leuten“ anfangen.

Mit dieser Ansicht ist Newman in seiner Straße in bester Gesellschaft. Seine Nachbarn und Freunde sind ebenfalls penibel darauf bedacht, insbesondere alles Jüdische zu meiden und zu diskreditieren, was vor allem der jüdische Süßwaren- und Zeitungsverkäufer der Straße deutlich zu spüren bekommt. Jüdische Nachbarn werden wie Invasoren behandelt, werden von der sauberen, christlichen, ja arischen Nachbarschaft verächtlich und herablassend behandelt. Und Newman fühlt sich als Arier hier ganz zu Hause – bis zu dem Tag, an dem er auf der Arbeit von seinem Vorgesetzten dazu verdonnert wird, sich endlich eine Brille gegen seine immer stärker werdende Sehschwäche anzuschaffen. Newman hat schon seit Wochen mit sich gehadert, hat Kontaktlinsen ausprobiert, verträgt diese aber nicht, hat eine Brille bestellt, diese aber nie abgeholt; nun aber führt kein Weg mehr daran vorbei: Newman muss eine Brille tragen. Notgedrungen holt Newman seine Brille ab, stolpert nach Hause und setzt sie im heimischen Badezimmer widerwillig auf. Kurz müssen sich seine Augen anpassen, dann aber ist er überaus fasziniert davon, wie klar er seine Umgebung wahrnimmt – selbst die Borsten seiner Zahnbürste sieht er so gestochen scharf wie nie zuvor. Doch dann folgt ein Blick in den Spiegel.

Lange stand er da und starrte auf sein Spiegelbild; auf seine Stirn, sein Kinn, seine Nase. […] Im Spiegel seines Badezimmers, des Badezimmers, das er seit fast sieben Jahren benützte, sah er ein Gesicht, das nicht ohne Berechtigung für das Gesicht eines Juden gehalten werden musste.

Darum hatte Newman sich so lange dagegen gewehrt, die Brille abzuholen, aufzusetzen, auszuprobieren; die Brille steckt Newman, den heimlichen Rassensotierer, in eine Schublade, in die er nicht gehört und schon gar nicht gehören will. Und nicht nur er ist irritiert:

Nach einer Weile rief die Mutter seinen Namen. Er blickte von der Zeitung auf und wandte ihr langsam sein Gesicht zu. Sie musterte es neugierig, wobei sie sich immer weiter vorbeugte. Er lächelte leichthin, als handelte es sich um einen neugekauften Anzug.
‚Mein Gott‘, sagte sie schließlich lachend, ‚du siehst beinahe aus wie ein Jude.‘
Er lachte auch, wobei er das Gefühl hatte, als stünden seine Zähne hervor.

Aber immerhin, die Mutter winkt ab und meint: „Ich denke nicht, dass jemand es bemerken wird.“

Von wegen. Vom nächsten Tag an ist für Newman alles verändert. Misstrauisch wird er von seinen Kollegen, seinen Vorgesetzten, seinen Mitbürgern gemustert – mit der Brille kommt eine Etikettierung, gegen die Newman sich kaum wehren kann. Das Unternehmen, in dem er bisher den Stenotypistinnen vorstand, sägt ihn ab und Newman ist plötzlich mit Arbeitslosigkeit konfrontiert. Denn mit jüdisch aussehenden Personen auf repräsentativen Posten will die Firma nichts zu tun haben. Newmans einziger Rettungsanker ist die Freundschaft zu seinen rassistischen Nachbarn Fred und Carlson, die sich in der antisemitischen „Christlichen Front“ organisieren. Doch wie weit kann die Solidarität der Nachbarn mit dem eigentlich ja „arischen“ Newman denn gehen, wenn er doch so jüdisch aussieht?

Es dauert lange, bis in der Verunsicherung, in die Newman getrieben wird, Einsichten oder gar Reuegefühle zutage treten. Zu sehr klammert er sich an das Wohlbekannte seiner bisherigen Welt fest, will den festen Gefügen seiner Nachbarschaft angehören, auch wenn diese ihn mehr und mehr ausschließt. Krampfhaft versucht er, Mitläufer zu sein, wird aber nicht länger akzeptiert.

Arthur Miller dokumentiert in seinem 1945 erschienenen, einzigen Roman „Fokus“ eine erschreckend offen antisemitische US-amerikanischen Gesellschaft in den Vierzigerjahren. Ausgrenzung und Erniedrigung Außenstehender und offener Rassismus gegenüber allem Jüdischen stehen an der Tagesordnung. Damit einher geht die stets präsente Angst vor der Arbeitslosigkeit nach dem bevorstehenden Ende des Zweiten Weltkriegs und der damit mit Sicherheit einhergehenden Depression. In der sauberen, christlichen Gemeinschaft will man andere im Dreck sehen, um sich selbst besser fühlen zu können. Und die jüdischen Mitbürger bieten hier das perfekte Feindbild, gegen das sich überall im Land Gruppen von Aktivisten gründen – während die Polizei wegschaut.

„Die Polizei weiß, was vorgeht. Es gibt kein Gesetz, das es Menschen verbietet, einander zu hassen.“

„Ich kann bis heute nicht in diesem Roman blättern, ohne erneut die Dringlichkeit zu empfinden, die das Schreiben begleitete“, schrieb Arthur Miller 1984, knapp vierzig Jahre später. „Damals war der Antisemitismus in Amerika meines Wissens literarisch ein wenn nicht tabuisiertes, so doch totgeschwiegenes Thema.“ Und obwohl mittlerweile bereits über siebzig Jahre alt, ist der Roman auch heute noch aktueller denn je. Er ist Spiegelbild einer Gesellschaft von Duckmäusern, von Mitläufern und jenen, die alle Realitäten so filtern, dass sie nur ihre Klischees und ihre vorgefertigte Meinung bestätigt sehen. „Fokus“ seziert die, auch fernab der Südstaaten, zutiefst rassistisch verblendete US-amerikanische Gesellschaft der Kriegszeit. Aber nicht minder hält der Roman auch anderen Gesellschaften, nicht zuletzt der deutschen, den Spiegel vor, bezogen auf die ewige Abgrenzung vor allem Fremden – früher wie heute. Ein Sinnbild, das leider vermutlich auch in Jahrzehnten noch aktuell sein wird, ist doch so viel einfacher, ein vorgefertigtes Bild zu haben, als sich mit dem Fremden auseinandersetzen zu müssen. Denn, so konstatiert Arthur Miller im Vorwort: „In den Spiegel der Realität zu schauen, die unschöne Welt und sich selbst zu erkennen, ist wenig erhebend und erfordert Charakter.“

Wer will das schon. Wer macht sich dafür schon die Mühe.

♠ Arthur Miller: Fokus ist im November 2017 in einer, mit 20 farbigen Holzschnitten von Franziska Neubert illustrierten Ausgabe bei der Büchergilde Gutenberg erschienen (gebunden, mit Lesebändchen, ISBN 978-3864060823, 24,- Euro). Unter der ISBN 978-3596905935 ist der Roman 2015 als Taschenbuch bei Fischer Klassik erschienen, 224 Seiten, 9,99 Euro. ♠

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Kaffee trinken, Leute gucken

Kall in der Eifel, im Jahr 2006: Eine Kleinstadt im Aufruhr – wie elektrisiert: Der Stausee in der Stadt soll vergrößert und ausgebaut werden, soll die Attraktivität des heruntergewirtschafteten Ortes wieder steigern und durch einen Ferienpark Touristen und Wohlstand anziehen. Die Bevölkerung zerteilt sich in zwei Lager von Befürwortern und Gegnern des Projekts. Die „Grauköpfe“, eine eingeschworene Gruppe alternder Männer in Kall, gehören klar zu den Befürwortern. Die Gruppe trifft sich tagtäglich in der Cafeteria des Supermarkts in Kall, um die neuesten Entwicklungen in dem Ort zu besprechen. Nichts entgeht dem tratschenden Gespann, nicht nur bezogen auf die Details zum Stausee, sondern generell: Jede Person, die die Cafeteria betritt, wird eingehend begutachtet und tuschelnd kommentiert, jedes Detail über den See und der neuste Kaller Klatsch und Tratsch landet in der Cafeteria auf dem Tisch der Grauköpfe.

Die Supermarkt-Cafeteria ist Dreh- und Angelpunkt des neuen Romans von Norbert Scheuer, „Am Grund des Universums“. Zahllose Einwohner, Durchreisende, Geschäftsleute, Menschen mit und ohne Namen, passieren das Café, bleiben für einen Tee oder ein belegtes Brötchen, und sind bald wieder fort. Darunter sind teils auch Personen, die – wie zu erwarten war – bereits in anderen Romanen von Norbert Scheuer eine Rolle spielten. Da ist zum Beispiel Paul Arimond, heimgekehrter Afghanistan-Soldat und Protagonist des Romans „Die Sprache der Vögel“, oder Vincentini, der bereits in Scheuers Roman „Peehs Liebe“ eine Rolle spielte. Ihre Geschichten werden nach und nach in den Roman eingewoben, immer im stetigen Szenenwechsel mit der Cafeteria und den neusten Nachrichten vom Stausee-Projekt.

„Am Grund des Universums“ ist streckenweise ein ganzes Konvolut angerissener Geschichten, aus lauter Namen ohne weitere Bedeutung, aus lauter namenlosen Personen, die mit ein wenig Hintergrundgeschichte versehen werden und dann kontextlos wieder davongehen. Damit verflochten wird einerseits das Stausee-Projekt, andererseits Geschichten einzelner Bewohner des Ortes, in denen es oftmals darum geht, dem Alltag zu entfliehen und zu Außergewöhnlichem aufzubrechen, sei es eine Reise in einem Boot quer über den Atlantik, ein Silberschatz in den ehemaligen Bergwerksstollen, ein geheimnisvolles Vermögen in einem Tresor oder eine Reise zum Grund des Universums in einem selbstgebauten Raumschiff.

Doch stetig springt die Handlung wieder zurück in die Cafeteria und wird zu einem seitenlangen „Leute gucken“ aus der Cafétisch-Perspektive. Man könnte meinen, dass es ein Roman ist, wie gemacht für Menschen, die ebenfalls gern in Cafés sitzen und andere Menschen beobachten. Aber leider fällt es schwer, Interesse an den Personen im „Jeder-kennt-jeden-Ort“ Kall zu entwickeln, an den „ganz normalen Leuten“ und ihren nur kurz angerissenen Geschichten. Der Funke vermag nicht überzuspringen. Leider bleibt es bei sehr profanen Beschreibungen, die sich wenig Zeit nehmen für die einzelnen Personen, kaum auf Details eingehen und sich dann sprunghaft den nächsten Personen widmen. Und auch die Rahmenhandlung rund um den Stausee in Kall verleiht dem Roman zwar seinen roten Faden, aber keinen Spannungsbogen. Nur die sich ab und an mit der Realität vermischenden Gedankenspiele einzelner Bewohner Kalls, die aus dem Alltag, der Eintönigkeit entfliehen wollen und sich in unterschiedlichste Szenarien träumen oder auf Schatzsuchen begeben, reißen zwischendurch immer mal kurz aus der nüchternen Schilderung einer allzu unspektakulären Realität heraus. Aber leider nur kurz. Die so einnehmende Poesie der vorangegangenen Romane schimmert leider viel zu selten durch. Schade.

♠ Norbert Scheuer: Am Grund des Universums. C. H. Beck Verlag 2017, 240 Seiten, gebunden, 19,95 Euro. ISBN: 978-3406711794. ♠

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Ein völlig überdrehtes Jahr – und ein Igel namens Rilke

Was ein Buch – was ein Jahr. Rainer Maria Rilke hat Schnupfen, Thomas Mann ärgert sich über Sitzfalten am Anzug und Franz Kafka erprobt das schriftliche Stammeln. Wir sind im Jahr 1913, im Buch „1913“, in dem Florian Illies das Jahr vor dem Ausbruch des 1. Weltkriegs abbildet, unterteilt in die zwölf Monate des Kalenders.

Es war ein Jahr, das die Schwelle zur Moderne gerade überschritten hatte. Was sind die treibenden kulturellen Kräfte dieses Jahres? Welche großen Werke, Geschehnisse, Skandale haben es geprägt? Ohne sich die Beantwortung konkret zum Ziel gesetzt zu haben, geht Florian Illies genau diesen Fragen nach, indem er die bedeutendsten Vertreter der Zünfte selbst sprechen und agieren lässt, ständig zwischen den Orten, Personen und Kunstszenen hin- und herspringend.

Vom 12-jährigen Louis Armstrong, der gerade in eine Besserungsanstalt gesteckt wird, springt Illies zum Liebesbriefe schreibenden Franz Kafka, um sich dann, jeweils nur kurze Absätze später, weiter zu Stalin, Freud und Rilke zu hangeln. Mit dem humorvollen Unterton des über alle Biografien Erhabenen, der einhundert Jahre später genau weiß, welchen Lauf die Geschichte nach dem Jahr 1913 nahm, porträtiert er zahlreiche Künstlerbiografien und verknüpft sie miteinander. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei zweifelsohne auf der Kulturgeschichte – politische Entwicklungen werden, wie auch Trivia zu sonstigen Themen (seien es Modetipps oder die Eröffnung des ersten Aldi-Marktes) sporadisch eingestreut. Die große Bühne aber gehört der – vornehmlich europäischen – Kunst- und Literaturgeschichte. Illies erschafft so das brillant gelungene Abbild einer schaffenswütigen und umtriebigen Kunstszene.

Wien strotzte vor Kraft, war eine Weltstadt geworden, was man in der ganzen Welt sah und spürte, nur in Wien selbst nicht, dort hatte man vor lauter Lust an der eigenen Selbstvernichtung übersehen, dass man unversehens an die Spitze der Bewegung gerückt war, die sich Moderne nannte.

Während Oskar Kokoschka vor Eifersucht in Raserei gerät, kündigt ein gekränkter Sigmund Freud seinem ehemaligen Schüler C.G. Jung postalisch den Kontakt auf („Wer aber bei abnormen Benehmen unaufhörlich schreit, er sei normal, erweckt den Verdacht, dass ihm die Krankheitseinsicht fehlt. Ich schlage Ihnen also vor, dass wir unsere privaten Beziehungen überhaupt aufgeben.“). Franz Kafka wird von Selbstzweifeln zermartert, der 15-jährige Bertolt Brecht veröffentlicht seine eigene Schülerzeitung, Gottfried Benn hat keine Lust mehr auf Leichenseziererei und Rainer Maria Rilke möchte sich zusammenrollen und ein Igel sein.

So prallen Ernst und Anekdote unmittelbar aufeinander. Illies‘ Quellen sind Tagebucheinträge, Briefwechsel, Biografien, Zeitungsberichte und dergleichen, die er mit einer kleinen Prise eigener Was-wäre-wenn-Fiktion garniert:

Stalin geht durch den Park, denkt nach, es dämmert schon. Da kommt ihm ein anderer Spaziergänger entgegen, 23 Jahre alt, ein gescheiterter Maler, dem die Akademie die Aufnahme verweigerte und der nun die Zeit totschlägt im Männerwohnheim in der Meldemannstraße. Er wartet, wie Stalin, auf seine große Chance. Sein Name ist Adolf Hitler. Vielleicht haben sich die beiden, von denen ihre Bekannten aus dieser Zeit erzählten, dass sie beide gerne im Park von Schönbrunn spazieren gingen, einmal höflich gegrüßt und den Hut gelüpft […].

Vielleicht. Später sinniert Illies darüber, wie die stolzen Eltern Friedrich und Franziska Braun ihr sechs Monate altes Töchterchen Eva im Kinderwagen durch München spazieren fahren, während der nun 24-jährige erfolglose Maler Hitler im Mai just in dieselbe Stadt zieht.

Mit kuriosesten Fakten aus den unterschiedlichen Lebensläufen versehen, blickt „1913“ auf die nach vorn treibende künstlerische Avantgarde, auf Kubismus, Futurismus, Expressionismus, auf erste literarische Gehversuche wie auf etablierte Meister ihres Fachs, auf Schaffenskrisen und wechselnde Gesundheits- und Gemütszustände. Nicht zuletzt durch Illies‘ humoristisches Erzähltalent wirkt es manchmal fast, als sei die intellektuelle Avantgarde des Jahrs 1913 die meiste Zeit entweder verkorkst, depressiv, verkopft oder einfach völlig kopflos durch die Weltgeschichte gerannt. Zeitgleich ist „1913“ aber auch eine tiefe Verbeugung vor der Kunst, der Literatur, dem Theater, der Musik dieser Epoche.

Wie in einem Kaleidoskop tanzen die verschiedensten Biografien umeinander, vermengen sich, überschneiden sich, verbinden sich zu einem grandiosen Gesamtkunstwerk. „1913“ macht Lust auf mehr, auf die Romane, die Bilder, die Filme, die Musik dieser Zeit, die Briefwechsel, die Tagebücher, die Biografien. – Hinten angefügt winken fünf verheißungsvolle Seiten kleingedruckter Auswahlbibliografie. Das könnte teuer werden. Das könnte sich lohnen. Eines zumindest steht fest: „1913“ lohnt sich in jedem Fall.

Es ist ein völlig überdrehtes Jahr. Kein Wunder also, dass der russische Pilot Pjotr Nikolajewitsch Nesterow mit seinem Kampfflugzeug 1913 den ersten Looping der Menschheitsgeschichte flog.

Würde Illies doch nur das gesamte 20. Jahrhundert durchbiografieren.

♠ Florian Illies: 1913: Der Sommer des Jahrhunderts. S. Fischer 2012, 320 Seiten, gebunden, 12,- Euro. ISBN: 978-3596520534 / Taschenbuch, 10,99 Euro. ISBN: 978-3596193240. ♠

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Wir atmen nicht.

Auf zwei etwas abgeschieden liegenden Höfen in der wohl polnischen Provinz wird eine Familie Opfer der Pogrome des Zweiten Weltkriegs. Sie erlebt, wie sich die ehemaligen Nachbarn und Freunde der Familie gegen sie wenden, wie ein Misstrauen, das seit längerem schon gewachsen ist, umschlägt in blinden Hass und in Gewalt, sobald die politischen Rahmenbedingungen dies möglich machen.

Der Roman „Nahe Jedenew“ beginnt mittendrin, mit den drei Worten Wir atmen nicht. „Wir“, das sind vor allem zwei sechzehnjährige Mädchen, Schwestern, die in der Nacht, in der die Jedenewer Bauern kommen, in ihr Baumhaus in der Nähe der zwei Höfe flüchten. Von dort aus sehen sie zu, wie die Bauern und Soldaten das eine Haus plündern und das andere Haus abbrennen. Sie sind der Mittelpunkt dieses nur knapp 140 Seiten langen Romans, sind das Zentrum des Taumelns zwischen Vergangenheit und Gegenwart, das diesen Roman ausmacht: Wie in einem Delirium, in dem sich keines der Mädchen eingestehen will, was gerade passiert, fallen beide immer wieder zurück in Erinnerungen aus den vergangenen Sommern, den vergangenen Wintern, den vergangenen Wochen und Tagen, dem vergangenen Abend, an dem alles noch in Ordnung zu sein schien, an dem die Familie noch vollzählig, die Fenster noch nicht zersprungen, der Hof noch nicht verbrannt war.

Gegenwart und Vergangenheit fließen in den teils viele Zeilen langen Sätzen ineinander, kreisen immer wieder um die gleichen Gedanken und Erinnerungen. Durch die stetigen Wiederholungen einzelner Satzteile oder ganzer Sätze verdeutlicht sich das Panikgefühl der beiden Mädchen, verdichtet sich die bedrohliche Atmosphäre, in der sich die beiden befinden und sich zurück in alte, unbefangene Zeiten sehnen. Die Zeiten fließen mitten im Satz ineinander und durch den konstanten Gebrauch des Präsens verschwimmt alles zu einer einzigen Zeitebene, in der Vergangenes und Gegenwärtiges parallel zueinander zu existieren scheinen. Nach und nach werden dabei immer neue Fragmente freigelegt, die die abgründige Situation immer deutlicher hervortreten lassen.

Nachts klirren die Fenster in der Küche, dann klirrt jedes einzelne Fenster im Haus. Abends sitzen wir hinterm Haus in der Hochsommerabendsonne auf dem schmalen Holzsteg, der auf den Teich hinterm Haus hinausführt, und sitzen und liegen und schwimmen in der Sonne und sitzen lesend zusammen und trinken die erste und letzte Sommerbowle des Jahres, schwimmen und bespritzen uns gegenseitig mit Wasser, nachts hocken wir in Badeanzügen in die Speisekammer gedrängt.

In der Gedankenwelt der beiden Mädchen befindet sich der Leser mitten im Trauma. Er sieht mit an, wie die Jedenewer Bauern die Tante und die kleine Nichte der beiden Mädchen im Teich ertränken, er erahnt die anderen Gräueltaten, aber er wird mitgewirbelt vom Strudel des Ausblendens, des Überblendens in friedliche, schönere Zeiten.

„Nahe Jedenew“ ist auf seinen wenigen Seiten ein unglaublich sprachgewaltiges Stück Prosa, das mit einem kleinen Fragment, dem Losbrechen der Pogrome gegen jüdische Mitbürger in Polen, eindringlich widerspiegelt, welche Leiden Krieg und Verfolgung, welche Leiden Menschen über andere Menschen bringen können. Durch Anspielungen auf jiddische wie auch katholische Traditionen porträtiert Vennemann eine Familie, die im Sog der Zeit versucht, sich religiös und kulturell zu verorten, die in den lauten Umbrüchen der Gesellschaft in ihren eigenen Traditionen immer leiser werden muss. Durch das „Wir“ der zwei Protagonistinnen erzeugt er ein Kollektiv, das ratlos auf die Geschehnisse schaut, das von den Ereignissen der Geschichte rücksichtslos und brutal überrannt wird. Er zeigt auf, wie Menschen politische Umbrüche für eine willkürliche, eigennützige Tabula Rasa nutzen, wie niedere Beweggründe wie Rache, Misstrauen und Geldschulden in blindem und brutalem Hass gipfeln. Die Schilderung der Geschehnisse aus der Sicht zweier sechzehnjähriger Mädchen, die mit den politischen Umwälzungen rein gar nichts zu tun haben, die sich in die heile Vergangenheit zurücksehen und die mit Veränderungen in ihrem Leben grundsätzlich noch nie gut umgehen konnten, macht den Roman nur umso eindringlicher. Ein furioses Stück Literatur.

♠ Kevin Vennemann: Nahe Jedenew. Suhrkamp 2005, 144 Seiten, broschiert, 8,- Euro. ISBN: 978-3518124505. ♠

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Selfies aus der Todeszone

Sie ist schon eine besondere Person, die Baba Dunja. Selbstdiszipliniert und genügsam, ein wenig streng, aber dennoch gutmütig, lebt sie in einem Ort ohne Zukunft: in Tschernowo. Nachdem vor dreißig Jahren eine Reaktorkatastrophe das Land verseuchte, floh Baba Dunja gezwungenermaßen in die nächstgrößere Stadt, hielt es dort aber nicht allzu lange aus. Seit knappen 18 Jahren ist sie zurück in der Todeszone, ignoriert sämtliche Warnungen und Bitten ihrer nach Deutschland ausgewanderten Tochter, sie möge doch aus dem verstrahlten Gebiet wegziehen, und führt in der Abgeschiedenheit Tschernowos ein ruhiges, geradezu aus der Zeit gefallenes Leben. Sie ist zufrieden damit und genügsam mit dem wenigen, das sie hat. Hauptsächlich versorgt sie sich aus dem eigenen Garten, nur alle paar Wochen oder Monate, wenn es gar nicht anders geht, nimmt die über 80-Jährige die stundenlange Reise in die nächstgelegene Stadt auf sich, um notwendige Besorgungen zu machen. Baba Dunja mag diese Ausflüge nicht im Geringsten. Nur im von der Außenwelt abgeschotteten Tschernowo fühlt sie zu Hause, fühlt sie sich glücklich.

Sie war die Erste, die zurückkam. Eine Handvoll Menschen tat es ihr später gleich und seit einigen Jahren bewohnt somit eine gleichzeitig distanziert-eigenbrötlerische wie auch in der Abgeschiedenheit eng zusammengeschweißte Dorfgemeinschaft einige wenige Häuser der Geisterstadt Tschernowo. Als Erste, die zurückzog in die Todeszone, ist Baba Dunja außerhalb von Tschernowo eine Prominente. Das kümmert sie allerdings wenig. Alle paar Monate besuchen Fotografen, Reporter oder Biologen die Todeszone, wandeln in Schutzanzügen umher – doch Baba Dunja und die anderen Einwohner Tschernowos nehmen kaum Notiz von ihnen. Sie alle sind schon längst alt und gebrechlich, allesamt sind sie dem Trubel der restlichen Welt entrückt und genießen die trügerische Idylle der verstrahlten Abgeschiedenheit – bis ein Fremder mit einem kleinen Mädchen in die radioaktive Todeszone kommt.

Ähnlich wie in „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ setzt Alina Bronsky im nun als Taschenbuch erschienenen Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ eine spleenige, betagte Dame als Ich-Erzählerin ein, deren pragmatische Einstellung zum Leben den humorvollen Erzählstil prägt. Nur scheinbar bleiben Baba Dunjas Betrachtungen oberflächlich und alltagsbezogen, kunstvoll spielt die Autorin immer wieder auf die heiklen Themen an, von der Reaktorkatastrophe über die Tragik einer Familiengeschichte bis hin zur politischen Situation zwischen der Ukraine und Russland. Dass das Gebiet, auf dem der fiktive Ort Tschernowo steht, auf viele Jahrzehnte hin verstrahlt bleiben wird, ist Baba Dunja egal. Anstatt besorgt zu sein, freuen sich die Dorfbewohner über überdurchschnittlich großes Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten. Die allgegenwärtige Strahlung bedeutet Baba Dunja nichts – zumindest nicht bezogen auf ihr eigenes Leben.

Ich habe alles gesehen und vor nichts mehr Angst. Der Tod kann kommen, aber bitte höflich.

Nur die Toten, die überall wandeln, erinnern durch ihre Anwesenheit immer wieder an die Katastrophe. Aber auch sie gehören für Baba Dunja wie selbstverständlich dazu.

Das mit dem Himmel habe ich nur so gesagt. Ich glaube nicht daran. Das heißt, ich glaube schon an einen Himmel, der über unseren Köpfen ist, aber ich weiß, dass unsere Toten nicht dort sind. […] Unsere Toten sind unter uns, oft wissen sie nicht einmal, dass sie tot sind und dass ihre Körper in der Erde verrotten.

So stehen sie also am Gartenzaun, sitzen im Wohnzimmer, gehen über die Straße, mal schweigend, mal sprechend. Für Baba Dunja sind sie gleichrangige Bewohner Tschernowos.

Ein wenig erscheint Baba Dunja wie das Klischeebild der strengen und genügsamen Großmutter, das Paradebeispiel einer etwas schnodderigen, abgeklärten Oma, unbelehrbar und abgehärtet. Dennoch hat man sie direkt ins Herz geschlossen, sobald ihr auf den ersten Seiten der nervtötende Hahn der Nachbarin tot vor die Füße kippt. Ihre Abkehr von der technisierten, schnellen Außenwelt ist wohltuend – und auf eine schräge Art und Weise wird nachvollziehbar, dass sie sich lieber von dem Trubel abwendet und zurück in die verstrahlte Todeszone zieht.

Was ich in Tschernowo niemals gegen fließend Wasser und eine Telefonleitung eintauschen würde, ist die Sache mit der Zeit. Bei uns gibt es keine Zeit. […] Zwischendrin vergessen wir, dass es noch die andere Welt gibt, in der die Uhren schneller gehen und wo alle schreckliche Angst vor dieser Erde haben, die uns ernährt. Diese Angst sitzt tief in den anderen Menschen, und die Begegnung mit uns bringt sie an die Oberfläche.

Trifft die ängstliche, im Gegenzug aber internetverseuchte Instagram-Außenwelt dann plötzlich auf die bodenständige Baba Dunja, um schnell ein verstrahltes Selfie zu machen, wird die Todeszone plötzlich ungemein attraktiv. Einer von vielen Kunstgriffen in „Baba Dunjas letzte Liebe“, der Alina Bronksy unheimlich gut gelingt.

♠ Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Kiepenheuer & Witsch 2017, 160 Seiten, broschiert, 8,- Euro. ISBN: 978-3462050288. (Jahr der Erstausgabe: 2015.) ♠

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