Einstürzende Neubauten

November 1918: Nach vier langen Jahren ist der Erste Weltkrieg vorbei. Die Monarchie ist am Ende, der Kaiser flieht ins Exil und in den bisherigen Fürstentümern in Deutschland entsteht ein Machtvakuum, das es zu füllen gilt. In dieser chaotischen Zeit direkt nach dem Krieg wird auch in Bayern die Monarchie gestürzt und die 900-jährige Regentschaft der Wittelsbacher findet im Taumel der „Weltrevolution“ und mit der Ausrufung des Freistaates Bayern ein jähes Ende.

Schmelztiegel aller politischen Strömungen in Bayern Ende 1918 ist München. Die Euphorie und der Revolutionswille sind groß nach Kriegsende und die Revolutionäre, die nun versuchen, die Oberhand in München zu gewinnen, drängen auf radikalen Umbruch, alle auf ihre eigene Weise. Kommunisten, Sozialisten, Spartakisten, Anarchisten, Monarchisten, Nationalisten, sie alle streiten sich um die Vorherrschaft im Land und um die Hoheit über das bayerische Volk. Mitten im Geschehen: Literaten wie Oskar Maria Graf, Ernst Toller, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke.

Und was „1913“ von Florian Illies für das Jahr vor dem Ersten Weltkrieg ist, ist „Träumer“ von Volker Weidermann für das Jahr danach, fokussiert auf die Geschehnisse im neuen Freistaat Bayern: „Träumer“ schildert die großen politischen Umwälzungen jeder Zeit und setzt die intellektuelle Elite des Landes in den Mittelpunkt der Erzählung, ihre Gedanken, ihre Einschätzungen, ihre Taten. Wie der Titel schon besagt, ist der Roman aus der Blase der intellektuellen Träumer jener bewegten Monate heraus geschrieben, utopieverliebter Revolutionäre, die sich an Räterepubliken und Demokratien versuchen, ohne je vorher in einer solchen gelebt zu haben. Die sich mit ihren revolutionären Ideen nach oben kämpfen, nur um kurze Zeit später schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden.

„Träumer“ ist ein mitreißendes Werk über eine Zeit, in der sich die Machtverhältnisse von einem Tag auf den anderen schlagartig um 180 Grad drehen konnten. Es vermittelt dabei nicht nur einen Überblick über die geschichtlichen Ereignisse jener Monate, sondern auch teils erwartbare, teils ungewöhnliche Einblicke in die politischen Ansichten diverser Schriftsteller. Erschreckend ist beispielsweise der völlig selbstverständliche Antisemitismus, der bei vielen teils ganz unverblümt zum Vorschein kommt, so auch in diversen Tagebuchaufzeichnungen von Thomas Mann, der sich in seinem Tagebuch jener Zeit sowieso als ein politisches Fähnlein im Winde herausstellt. „Träumer“ beschreibt die politische Landschaft eines Sandkastens, in dem ständig und in kürzester Zeit neue Traumschlösser entstehen, die vom nächsten umgehend radikal und unversöhnlich in Grund und Boden gestampft werden. Ein spannender Roman über eine immens spannende Zeit.

♠ Volker Weidermann: Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen. Kiepenheuer & Witsch 2017, gebunden, 288 Seiten, 22,- Euro. ISBN: 978-3462047141. ♠

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