Nur einmal das Meer

Von Anfang an ist klar, dass etwas faul ist. Etwas stimmt nicht mit der Reise, die die Erzählerin in „Meeresrand“ mit ihren zwei kleinen Söhnen macht. Einmal das Meer sehen sollen sie, einmal eine Reise machen – etwas, das sich die Mutter vorher nie leisten konnte. Und so misstrauisch wie die der neunjährige Stan und der fünfjährige Kevin ist auch der Leser.

Schon nach ein paar Seiten wird die erste Vermutung zur Gewissheit: Die Reise ans Meer soll eine Fahrt ohne Wiederkehr sein. In gehetzten Sätzen, oftmals ohne Punkt und Komma, schildert die Erzählerin ihre Angst vor der Welt, ihre Armut, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre Scham. Die Außenwelt besteht aus ihrer Sicht ausschließlich aus feindseligen oder fremdartigen Menschen, aus den „Anderen“, die sich gegen sie gewandt, die sie ausgeschlossen haben. Die Außenwelt ist die Hölle, der Kontakt zu anderen ein Krieg. Die Erzählerin ist rastlos, mutlos und findet nicht einmal im Schlaf einen Moment der Ruhe, der helfen könnte, ihre Lebenskrise zu überstehen.

Hatte ich die letzte Nacht verbracht wie alle anderen? War es das, was die anderen jeden Abend erwartete, eine Belohnung, weil sie gut durch den Tag gekommen waren? Auf mich wartet nie eine Belohnung, mein Schlaf ist wie ein scharfes Messer, das die Seile durchtrennt, an die ich mich tagsüber klammere. Nachts werde ich losgemacht, abgeschnitten.

Dieser kurze Roman macht wütend. Er hält den Leser in einer andauernden Ohnmacht gefangen, lässt ihn miterleben, wie zwei hilflose Kinder von ihrer Mutter vom Rand der Armut an den Rand der Existenz geführt werden. Ebenso hilflos folgt man der Mutter, die ihr allerletztes Kleingeld in ein wenig letzten Spaß für ihre Kinder investiert.

Es gelingt nur zeitweise, Mitgefühl für die Erzählerin aufzubringen, die offenbar selbst nicht viele schöne Seiten des Lebens erfahren hat und ihren Kindern dies nun ersparen will. „Meeresrand“ ist ein sehr kurzer, enorm depressiver, bitterer Roman über einen Menschen, der keinen Ausweg mehr sieht. Hoffnungsschimmer? Nicht vorhanden. Was man davon halten soll? Das weiß man nicht so wirklich.

♠ Véronique Olmi: Meeresrand. btb Verlag 2004, 128 Seiten, Taschenbuch, 7,50 Euro. ISBN: 978-3442732296 (Jahr der Erstausgabe: 2001). ♠

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