Ror Wolf ist ein Meister der surrealen Literatur. Mit seinen Kurz- und Kürzestgeschichten wie im Werk „Zwei oder drei Jahre später“ hat er schon früher für erheiternde Verwirrung beim Leser gesorgt. „Neunundvierzig Ausschweifungen“ waren es damals – in seinem neuesten Roman „Die Vorzüge der Dunkelheit“ sind es nun „Neunundzwanzig Versuche die Welt zu verschlingen“.
Und Ror Wolf setzt seinen Stil hier in ähnlicher Weise fort. Sein komprimierter Schreibstil führt von der ersten bis zur letzten Seite zu einer Aneinanderreihung grotesker Traumszenen, in denen dem Erzähler plötzlich so Selbstverständliches wie eine Hand oder ein Fuß fehlt, in denen sich der Handlungsort in Sekundenschnelle von einem Kontinent zum nächsten, von einem Ort zum anderen, von einem Bruchstück zum nächsten verschiebt. Wieder ist der Roman ein einziges Sprachspiel, eine stetige Variation von Bildern und Handlungssplittern.
Der Mann erzählte, wie er einmal aus einem scheinbar ganz unbelebten Bett heraus mit einem gewaltigen Satz in die Höhe gesprungen sei, um im nächsten Moment zu verschwinden. Dann biss er ein Stück der Speisekarte ab und sagte: Ich beiße noch mehr ab, passen Sie auf. Er lehnte sich seufzend zurück und saß eine Weile still neben mir. Plötzlich glitt er lautlos zu Boden. Es war ein schöner Oktobertag. Jemand deckte gerade den Tisch. Überall machten Menschen Spaziergänge. Aber es war nicht so. Es war anders. Ich stand vor dem Spiegel, frei unter dem kalten Himmel. Hinter mir schlich mit einer unerklärlichen Langsamkeit ein Mann vorbei und verschwand wortlos am oberen Rand des Bildes.
Ror Wolf spielt mit gezielten Auslassungen, schreibt so verdichtet, dass eine stringente Handlung unmöglich, aber auch unnötig wird.
Und dann sind da die Bilder. 79 ein- und doppelseitige Collagen sind im Roman abgedruckt und bilden bei 272 Seiten ein gleichrangiges Gegengewicht zu den Textseiten. Verschiedenste Illustrationen von Landschaften, Personen, Tieren oder Körperteilen wurden vom Autor zu verfremdeten Collagen kombiniert. Die Bilder setzen fort, was im Text bereits angestoßen wird: Es reiht sich Momentaufnahme an Momentaufnahme, Bild folgt auf Bild, ohne oder mit nur losem Sinnzusammenhang.
„Die Vorzüge der Dunkelheit“ besteht aus Versatzstücken, aus Impressionen. Konkretes vermischt sich mit gänzlich Unkonkretem, alles wird vollkommen austauschbar. Der Roman ist so skurril, dass von einer möglichen Handlung nach dem Lesen nichts in Erinnerung bleiben mag. Gestalterisch stellt es ein Gesamtkunstwerk dar, das Bild- und Wortkunst in einem 272 Seiten langen, halluzinierten Trip vereint.
Handlung? Ein Traumgeflecht, das nach dem morgendlichen Erwachen und dem Erreichen der letzten Romanseite sofort zu verblassen beginnt. Aber unwichtig, wenn man bereit ist, sich auf eine unkonventionelle Leseerfahrung einzulassen.
♠ Ror Wolf: Die Vorzüge der Dunkelheit. Schöffling & Co. 2012, 272 Seiten, gebunden, 24,95 Euro. ISBN: 978-3895613074. ♠
In der Schweiz der frühen 1970er Jahre betrachtet der namenlos bleibende Erzähler erstmals genauer das Bild seines verstorbenen Vaters. Lange Zeit war das Foto für ihn bloße Dekoration des Zimmers; seit Jahren stand es auf demselben Platz im Bücherregal und gehörte zum selbstverständlichen Inventar. Doch als der Erzähler nun, siebzehnjährig, zu Beginn des Romans vor dem Bild stehen bleibt, verweilt sein Blick ungewohnt lang auf dem Abbild dieses ihm unbekannt gebliebenen Mannes, der sich kurz nach der Geburt des Sohnes umbrachte. Wie zufällig bleiben Blick und Interesse an der Armbanduhr des Fotografierten hängen. Sieben Uhr fünfzehn zeigt diese Uhr an, die der Sohn mithilfe einer Lupe als Omega Seamaster ausmacht. Sieben Uhr fünfzehn – eine ungewöhnliche Zeit für ein professionelles Porträtfoto, sei es morgens oder abends.
Wir befinden uns in Wien im Jahre 1777. Franz Anton Mesmer, ein angesehener Wiener Arzt, wird darum gebeten, die blinde Tochter des kaiserlich-königlichen Hofbeamten zu untersuchen. Besagte Tochter, Maria Theresia Paradis, wird von Mesmer in einem verstörenden Zustand vorgefunden: Sie ist schweigsam und scheu, blass geschminkt und wirkt durch ihre der gesellschaftlichen Etikette geschuldeten Perücke geradezu verkleidet. Mesmers neue Patientin ist eine bekannte Pianistin, die bereits der Kaiserin vorspielen durfte und von der insbesondere seitens ihrer Eltern viel erwartet wird.