No exorciser harm thee

Man könnte tatsächlich meinen, dass man einen autobiografischen Text vor sich hat, wenn Bret Easton Ellis auf den ersten Seiten des Romans „Lunar Park“ von seinen bisherigen Werken, seiner Karriere als Autor und der wenig herzlichen Beziehung zu seinem Vater berichtet. Doch Zweifel kommen recht schnell auf. Am Camden College hat er also studiert? Gab’s das überhaupt? Da war doch was? Und mit Jayne Dennis ist er verheiratet – die hat zusammen mit Keanu Reeves gedreht. Eine eher unbekannte Schauspielerin?

Nein, nicht existent. Genauso wie Ellis‘ Sohn Robby und seine Stieftochter Sarah ist Jayne Dennis ein fiktionaler Charakter innerhalb eines Romans, der sich um den halbfiktionalen Autor Bret Easton Ellis dreht. Dieser versucht, nach ausschweifenden Drogeneskapaden ein normales Leben anzufangen und zieht zu Jayne Dennis in einen Vorort von New York. Die beiden hatten schon vor vielen Jahren eine Liebschaft, aus der der gemeinsame Sohn Robby hervorging, da Dennis, trotz Ellis‘ Bitten und Flehen das Kind nicht hatte abtreiben wollen. Mehr vorgehalten als überzeugt versucht Ellis nun, eine Beziehung zu seinem Sohn und seiner Stieftochter aufzubauen – sein Scheitern wird regelmäßig bei seinem Psychologen und der Eheberatung thematisiert.

Am Vorabend von Halloween, der Nacht, in der nach vorchristlichem Glauben die Seelen der Toten auferstehen und unter uns wandeln, gibt die „Familie“ eine Halloween-Party. Zu dieser kommen auch viele Studenten des Colleges, an dem Ellis derzeit einmal wöchentlich lehrt und sich im Glanz seines schriftstellerischen Ruhms sonnt. Einer der kostümierten Gäste kommt im blutbespritzten Armani-Anzug als Patrick Bateman, dem Hauptcharakter in Ellis‘ Roman „American Psycho“, zur Party. Dies macht auf den unter dem Einfluss von Kokain und diversen Medikamenten stehenden Ellis einen wenig erfreulichen, vielmehr beklemmenden Eindruck.
Von da an häufen sich die skurrilen Ereignisse. Ellis, der nach der Party bemüht ist, insbesondere die Möbel wieder in die richtige Ordnung zu rücken, sichtet immer häufiger ein Auto, das auch sein inzwischen verstorbener Vater vor über zwanzig Jahren schon besessen hatte. Die Farbe am Haus, das nie neu gestrichen wurde, blättert an einigen Stellen ab und bringt einen darunter  verborgenen, lilafarbenen Anstrich zum Vorschein. Nächtliche Schabgeräusche und Kratzspuren an den Türen irritieren die Kinder – und irgendwie scheint das vogelähnliche Kuscheltier von Stieftochter Sarah, der Terby, mehr als nur mechanisch gesteuert zu sein. Seit einiger Zeit bekommt Ellis zudem an manchen Tagen von der Bank, die die Asche seines Vaters aufbewahrt, nachts um 2:40 Uhr eine leere E-Mail zugestellt. In der Bank weiß niemand etwas davon. Spätestens als ein Detective zu Ellis nach Hause kommt und ihn in gedämpftem Ton warnt, dass in der Umgebung ein Serienmörder umgeht, der sich offenbar Patrick Bateman als Vorbild genommen hat und die Morde aus „American Psycho“ nun wirklich begeht, ist Ellis alarmiert. Und starke Beruhigungstabletten mit Wodka mischend überlegt er, was zu tun ist.

„Lunar Park“ ist nach Aussage von Bret Easton Ellis eine Hommage an Stephen King und die Comicbücher, die Ellis als Kind gern las. Er vereint Charaktere vorheriger Romane und stellt auch diesem Roman wieder eine promiske Hauptfigur mit exzessivem Drogenkonsum und ohne festen Platz in der Gesellschaft voran. Auch ist „Lunar Park“ eine Parodie auf die zeitgenössische amerikanische Gesellschaft, insbesondere bezogen auf den Umgang der Upper Class-Eltern mit ihren Kindern. Sogar die beiden Kinder des fiktionalen Bret Easton Ellis stehen die meiste Zeit unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln, sitzen zeitweise einfach nur lethargisch herum und starren ins Leere. Seine Gesellschaftskritik ist zwar deutlich schwächer als in „American Psycho“ oder „Less Than Zero“, macht aber dennoch den Reiz dieses Werks aus, ebenso das Auftauchen altbekannter Charaktere. Die Hommage an Stephen King ist dem Roman deutlich anzumerken – ob die Mischung von klassischem Ellis-Ton mit ebenso klassischen Horror-Merkmalen gelungen ist, sei jedoch dahingestellt. Der Roman ist eine Gratwanderung und erweitert das Repertoire von Ellis‘ Werken um ein doch eher unvermutetes Genre.

♠ Bret Easton Ellis: Lunar Park. Vintage 2006, 416 Seiten, Taschenbuch, 6,30 Euro (ohne Preisbindung). ISBN: 978-0307276919. ♠

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„Low, and narrow, and heavy.“

I’m just your average office worker in Tokyo. But I’m still young and dissatisfied. Constantly disgruntled by society and adults. I have no idea what to do with myself. And while I wait for my epiphany, I feel the toxins collecting in my body.

Sechs Jahre sind Meiko Inoue und Naruo Taneda mittlerweile zusammen und seit zwei Jahren haben sie ihr Studium abgeschlossen. Beiden fällt es schwer, in der Großstadt Tokyo Fuß zu fassen und einen Job zu finden, der zu ihnen passt, der sie ausfüllt. Meiko, frustriert von ihrer Arbeit als Bürokraft, kündigt eines Tages spontan den ihr verhassten Job. Mit ihren angesammelten Ersparnissen steht sie plötzlich einerseits vor der unendlichen Freiheit, das zu tun, was sie tun will – und weiß auf der anderen Seite aber nicht, wie sie diese Freiheit gestalten möchte.

Taneda schlägt sich mit einem Nebenjob herum, der für eine eigene Wohnung und einen unabhängigen Lebensunterhalt nicht genug Geld einbringt. Er träumt davon, als Sänger und Gitarrist mit seiner einstigen College-Band berühmt zu werden – nicht des Geldes wegen, sondern um sich selbst darin zu verwirklichen.

„Solanin“ ist ein Manga komprimierter Unsicherheit. Meiko und Taneda suchen ihren Weg auf dem manchmal schmalen Grat zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem Zwang, erstmals den eigenen Lebensunterhalt unabhängig bestreiten zu können. „Solanin“ erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von Verlusten und vom Weitermachen, vom alltäglichen Risiko.

Die Worte, die die Zeichnerin Inio Asano in ihr Schlusswort setzt, veranschaulichen die große Stärke dieser Erzählung: „There[‚]s nothing cool about these characters.“
Die Geschichte ist nachvollziehbar und realistisch. Sie porträtiert die Suche nach dem eigenen Platz in der Gesellschaft und dem Streben nach Zufriedenheit sehr anschaulich und zudem auch in sehr gelungenen, liebevollen Zeichnungen. In Japan ist „Solanin“ in zwei Bänden erschienen, die in der amerikanischen Ausgabe zu einem Band zusammengefasst wurden. In deutscher Übersetzung liegt der Manga bislang noch nicht vor, ist aber für jeden, der Manga und Graphic Novels auch nur im Ansatz etwas abgewinnen kann, auch in fremdsprachiger Fassung in jedem Fall zu empfehlen.

♠ Inio Asano: Solanin. VIZ Media LLC 2008, 432 Seiten, broschiert, 14,30 Euro (ohne Preisbindung). ISBN: 978-1421523217. ♠

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My father was a gamblin‘ man

Dieses Buch liest man am besten als ein Werk der Fiktion. Wäre mein Vater hier, um mit mir darüber zu reden, gäbe er mir bestimmt recht, wenn ich sagte, es sei ebenso wahr zu behaupten, dass ich nie einen Vater, wie dass er nie einen Sohn hatte.

Mit diesen Worten und einem kurzen Auszug aus Edgar Allan Poes Kurzgeschichte „Der Alb der Perversheit“, in dem es um das Stehen vor einem Abgrund und dem Reiz des endgültigen, unumkehrbaren Fallens ins Verderben geht, beginnt John Burnsides autobiografisches Werk „Lügen über meinen Vater“. Es erzählt vom Aufwachsen des 1955 geborenen, schottischen Autors und seinem tyrannischen, alkohol- und spielsüchtigen Vater.

Das ohnehin schon gering ausfallende Gehalt versäuft der Vater täglich im Pub. Ist er zu Hause, bringt er Saufkumpanen mit und kommandiert seinen Sohn wie eine Marionette durch die Gegend, um zu zeigen, welch braves und wohlerzogenes Kind er hat. Kommt er allein nach Hause, ist er aggressiv und launisch. Und er erzählt Lügen.
Die schwerwiegendste Lüge, die das Verhältnis John Burnsides zu seinem Vater wohl am besten beschreibt ist jene, dass John nicht sein Sohn sei. Dass man ihn gefunden habe, dass man ihn abgegeben habe bei der Familie, die sich dann notgedrungen um ihn gekümmert hat. Es liegt auf der Hand, dass dies ein Vertrauensverhältnis zwischen Vater und Sohn gar nicht erst aufkommen lässt. Der Vater beherrscht die Familie perfekt: Von den Kindern und der Ehefrau wird er gefürchtet, nur wenn er zufrieden ist, kann es der Rest der Familie auch sein. Um keinen der unkontrollierbaren Wutausbrüche zu provozieren, verhält man sich ruhig, muckt nicht auf, ist am besten nicht existent. Um den Urlaub nicht zu ruinieren, verschweigt der Sohn einen gebrochenen Arm und erträgt wochenlang höllische Schmerzen – um des Friedens willen.

Fast zwangsläufig hat dieses zerstörte Familienverhältnis erhebliche Auswirkungen auf Burnsides weiteren Lebensweg. Als Kind flüchtet er sich in alternative Realitäten, in denen andere die Rolle seines Vaters übernehmen, als Jugendlicher stürzt er ab in eine Welt aus Drogen und Alkohol.

1971 warf ich meine erste Lysergsäurediäthylamidtablette ein. Es wäre eine grobe Untertreibung, wollte ich behaupten, dies wäre eine Offenbarung gewesen, ebenso wie es ein Fehler wäre, über LSD wie über irgendeine andere Droge zu reden. […] Acid gelang, woran die Hostie scheiterte. Acid war das einzig wahre Sakrament, zu dem ich Zugang fand.

Drogen ersetzen das fehlende Verhältnis zum Vater, helfen über den Tag hinweg und reißen alles mit sich. Burnside fliegt von der Schule, verliert Jobs, taumelt mehr durch das Leben, als dass er einem Ziel folgt. Und in manchen Punkten wird er dem Vater erschreckend ähnlich.

„Lügen über meinen Vater“ ist eine zwischen Sachlichkeit und Bedrückung pendelnde Autobiografie, die von einer von Armut, Alkoholismus und Religion geprägten Kindheit erzählt, vom widerwilligen Zusammenhalten einer unglücklichen, kaputten Familie, die den Anschein wahren will, wie alle anderen zu sein: unauffällig und ganz normal. Und sie erzählt von den Lügen eines Vaters, der keiner ist. Oftmals wirkt gerade die Darstellung der frühen Kindheit für einen sechs- bis achtjährigen Jungen unnatürlich distanziert und durchschauend. Aber mit einem düsteren Anflug von Genugtuung erinnert man sich später an den Anfang, an dem der erwachsene Erzähler davon berichtet, dass seine Tante ihm die wahre Herkunft seines Vaters mitteilt. Denn der Vater, der stets die verschiedensten, aufregendsten Geschichten über seine Herkunft erzählt hat, war in Wahrheit ein Waisenkind, ein Findling ohne jede Familie, ein uneheliches Kind. Ein Niemand.

♠ John Burnside: Lügen über meinen Vater. Knaus 2011, 384 Seiten, gebunden, 19,99 Euro. ISBN: 978-3813503159. ♠

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Schnelldurchlauf: Gealterte Herren erzählen

Über diesen Roman muss man wirklich nicht mehr viel sagen. Mit seinen hundert Jahren ist der immer noch recht agile Allan Karlsson im letzten Jahr munter die Bestsellerliste hinauf- und in diesem Jahr irgendwann wieder ganz langsam hinuntergeklettert. Und das zurecht. Wenn man den eher schleppenden Anfang einmal hinter sich gebracht hat, entwickelt sich der Roman bald zu einem amüsanten, ein wenig morbidem Roadmovie, das nicht nur Allan Karlssons Flucht aus dem Altersheim verfolgt, sondern seine hundert Jahre umfassende Lebensgeschichte in ihren unterschiedlichen Etappen präsentiert. Nicht selten kommt das Gefühl auf, man verfolge eine alternative Version von Forrest Gumps Vita, wenn Allan mal mit Mao Tse Tung, mal mit Stalin oder Charles de Gaulle sein Schnäpschen trinkt. In jedem Fall ist der Roman ein witziger Parforceritt durch das letzte Jahrhundert, mal mehr, mal weniger historisch akkurat.

♠ Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand. carl’s books 2011, 416 Seiten, broschiert, 14,99 Euro. ISBN: 978-3570585016. ♠

*

Tony Webster ist ein Mittsechziger, der auf sein Leben zurückblickt. Beginnend in der Schulzeit, berichtet er davon, wie er auf Adrian Finn trifft, einen Mitschüler, der schnell Mitglied in Tonys Clique wird, dem mit Leichtigkeit gelingt, was Tony und seine Freunde so zwanghaft versuchen: sich von den anderen abzuheben, in der Weltanschauung, im Auftreten, in Gesten.
Nach der Schule verlieren verlieren sich die Mitglieder des Freundeskreises nach und nach aus den Augen, nur zu Adrian hält Tony noch ab und an Kontakt, bis dieser Kontakt ein jähes Ende findet. Viele Jahre später an diese Freundschaft erinnert, blickt Tony nun zurück und muss das Bild, das er in den letzten Jahrzehnten von seiner Vergangenheit entworfen hat, plötzlich hinterfragen und neu ergründen. Immer davon ausgehend, dass er mit sich und seiner Vergangenheit im Reinen sein kann, kommen Tony nun leise Zweifel daran.
„The Sense of an Ending“ ist ein leiser, ziemlich kurzer, aber auch ein wenig träger Roman über das Zurückblicken auf die eigene Lebensgeschichte und vor allem darüber, dass der eigene Blick zurück gerne einmal einen beschönigten Lückentext zeigt.

♠ Julian Barnes: The Sense of an Ending. Random House UK 2012, 150 Seiten, Taschenbuch, 5,50 Euro (ohne Preisbindung). ISBN: 978-0099570332 (Jahr der Erstausgabe: 2011). ♠

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Großmutterliebe mal anders

Ja, das kommt davon, wenn man erst einmal knapp zwei Jahre wartet und anderen Büchern zunächst den Vortritt lässt, da man auf die Taschenbuch-Ausgabe wartet. Dann verpasst man knapp zwei Jahre lang einen verdammt guten Roman. Aber man kann es nachholen. Und das sollte man auch.

Die Handlung des Romans beginnt in den späten 1970er Jahren in der Sowjetunion. Sulfia, die Tochter der Ich-Erzählerin Rosalinda, wird aus heiterem Himmel schwanger. Sulfia hat es nach Ansicht von Rosalinda mit ihren 17 Jahren im Leben zu nichts gebracht und wird dies auch niemals tun, da sie klein, hässlich und dumm ist. Da kein Mann sie freiwillig auch nur anschauen würde, ist Rosalinda sich sicher, dass das Kind das Ergebnis einer unbefleckten Empfängnis ist. Um aber die Zukunft der nichtsnutzigen Sulfia nicht noch aussichtsloser werden zu lassen, indem ihr durch die Schwangerschaft auch noch die Chance auf einen festen Arbeitsplatz als Krankenschwester verwehrt wird, versucht Rosalinda unter Beihilfe der Nachbarin das Kind abzutreiben. Der Versuch schlägt fehl, das Kind wird geboren und – damit Sulfia wenigstens eine anständige Krankenschwester wird – in die Fittiche der Oma übergeben. Und diese Oma hat es in sich. Rosalinda ist skrupellos, wenn es um die Durchsetzung ihrer Vorstellungen geht, ganz besonders im Bereich der Erziehung.

Mit viel schwarzem Humor portraitiert Alina Bronsky eine heillos überzeichnete Großmutter, die von sich selbst behauptet, nur das Beste zu wollen, um am Ende in der Hauptsache ihre eigenen Ziele durchzusetzen. In Rosalindas Welt ist alles geplant, alles läuft nach ihrem Willen. Während sich die Mitglieder der Familie nach und nach von ihr abwenden, bleibt Rosalinda die alles umfassende Konstante, um deren radikale und korruptionsschwangere Gedankenwelt sich diese Familiengeschichte spinnt. Erzählt wird in kurzen, prägnanten Sätzen, deren rasantes Tempo Alina Bronsky rigoros bis zum Ende hin durchhält. Sehr empfehlenswert!

♠ Alina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche. Kiepenheuer & Witsch 2012, 317 Seiten, broschiert, 8,99 Euro. ISBN: 978-3462043921 (Jahr der Erstausgabe: 2010). ♠

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I come from down in the valley…

Leo Arimond, zum Zeitpunkt der Handlung 17-jährig, schießt beim Fußballtraining über das Spielfeld hinaus und katapultiert den Ball in den nahegelegenen Fluss. Während er versucht, den Ball aus der Strömung zu fischen, treibt ein roter Hut an ihm vorbei und den Fluss hinab, ein Hut, den er sofort als den seiner Bekannten Lia wiedererkennt.

So beginnt die Geschichte um die Bewohner von Kall in der Nordeifel – einem Ort, in dem nicht nur sprichwörtlich der Hund begraben liegt. Leos Eltern sind, nachdem sie die Pacht für ihre Gaststätte nicht mehr zahlen konnten, hoch verschuldet. Da der Vater auf Montage arbeitet und selten zu Hause ist, ist die Stimmung im Hause der Arimonds oft bis zum Zerreißen gespannt. Auch der Bekannten Lia ergeht es nicht besser. Ihre Beziehung zerbricht, sie zieht aus in eine andere Stadt und kommt später mit einem kleinen Kind zurück. Auch die nächste Beziehung, die sie wiederum in Kall beginnt, scheitert.

„Flußabwärts“ ist ein Kammerspiel über das Leben in der Provinz, die Auswirkungen von finanzieller Not auf das Zwischenmenschliche und über zerbrechende Beziehungen. Unvermutet distanziert blickt Leo auf die Vorkommnisse in seinem Elternhaus und schildert alltägliche Szenen häuslicher Gewalt wie ein unbeteiligter Außenstehender.

Norbert Scheuer erzählt unaufgeregt und leise, in einem Ton, der an Erzählungen von Heinrich Böll erinnert. Leider wirkt der Roman insbesondere in der ersten Hälfte eher ziellos, der rote Faden, hauptsächlich in Form des roten Hutes, ist zeitweise nicht wirklich zu erkennen. Die Wechsel zwischen den Erzählzeiten und -perspektiven wirken anfangs wahllos und treiben den Erzählfluss erst in der zweiten Hälfte voran. Der Roman „Überm Rauschen“, der die Geschichte von Leo Arimond später wieder aufgreift, ist ein deutlich stärkeres Werk des Autors.

♠ Norbert Scheuer: Flußabwärts. dtv 2010, 160 Seiten, Taschenbuch, 8,90 Euro. ISBN: 978-3423138772 (Jahr der Erstausgabe: 2002). ♠

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Von Kokosnüssen und jenen, die ihnen nachlaufen

Da liest man und liest, man wartet und wartet auf die Passagen, die einem doch bestätigen müssen, dass da etwas ideologisch Fragwürdiges im Buch sei. Da hat man von dieser Diskussion gehört, von Für- und Gegenstimmen und hat es nicht weiter verfolgt, man hat das Buch ja da und will es selbst noch lesen. Und man liest und liest, aber da ist nichts. Dann wundert man sich: Ist man etwa nicht feinfühlig genug? Versteht man all diese mit Ironie gespickten Anspielungen etwa vollkommen falsch?

Nein. Man versteht ganz richtig. Da ist nichts Fragwürdiges. Da ist nur ein Roman, der sich zu lesen lohnt.

In „Imperium“ erzählt Christian Kracht die Geschichte August Engelhardts, eines Aussteigers während der kurzen Kolonialzeit des Deutschen Reichs, neu. Engelhardt war überzeugter Nudist und Vegetarier – genauer gesagt: Kokovore. Im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatte Engelhardt die Kokosnuss zur reinsten aller Früchte auserkoren, zog aus in die deutschen Kolonien Papua-Neuguineas und gründete dort den „Sonnenorden“, dessen Ziel es war, nach Engelhardts nudistischem und kokovorem Ideal zu leben.

Wir folgen Engelhardt auf seiner Reise in die Südsee, begleiten ihn beim Kauf der Insel Kabakon, auf der er eine Kokosnuss-Plantage betreiben wird, wohnen der Akquise von Adepten für den Sonnenorden bei, treffen auf illustre Gestalten der Gesellschaft der vorletzten Jahrhundertwende und schwelgen ein wenig in der Fremdartigkeit der Südsee, im Flair der Kolonialwarenläden. Illusterste Gestalt von allen ist zweifelsohne Albert Engelhardt selbst, dessen ideologisches Konzept innerhalb der Jahre auf der Plantage bei andauernder Kokosnuss-Diät stetig verquerer wird.

Es bleibt unverständlich, welche Passagen den Vorwurf des rechtsideologischen Gedankenguts in „Imperium“ nähren konnten. Ganz im Gegenteil: Kracht streut an diversen Stellen Bemerkungen ein, die falsch zu lesen eigentlich kaum möglich erscheint.

Mit dem indischen Sonnenkreuze eindrücklich beflaggt, wird alsdann ein kleiner Vegetarier, eine absurde schwarze Zahnbürste unter der Nase, die drei, vier Stufen zur Bühne … ach, warten wir doch einfach ab, bis sie in äolischem Moll düster anhebt, die Todessymphonie der Deutschen. Komödiantisch wäre es wohl anzusehen, wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen würde: Gebeine, Excreta, Rauch.

Der düstere Fortlauf der Geschichte schwebt stets bedrohlich im Hintergrund, hier und dort in die Erzählung eingewoben. Auch einige zufällige Aufeinandertreffen Engelhardts mit berühmten Personen seiner Zeit wie etwa Thomas Mann, der den Nudisten am Strand sieht und beschämt bei der Polizei anzeigt, sind witzig zu lesen, selbst wenn sie mit dem Fortlauf der Erzählung nichts zu tun haben. Aber gerade diese gewollt unstete Erzählweise Krachts macht „Imperium“ sehr lesenswert.

♠ Christian Kracht: Imperium. Kiepenheuer & Witsch 2012, 256 Seiten, gebunden, 18,99 Euro. ISBN: 978-3462041316. ♠

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Volle ur arg daneben

Wenn man von einem oder gleich mehreren Romanen eines Autors hellauf begeistert ist, neigt man gern einmal zu einem Blindkauf, sobald dieser Autor ein neues Buch auf den Markt bringt. Oftmals bestätigt sich dann die Hoffnung und man hat einen würdigen Nachfolger in den Händen. Aber in manchen Fällen mag man das Geld für den Kauf des Buches nach dem Lesen fast bereuen.

„Ewig Dein“ von Daniel Glattauer ordnet sich leider in die zweite Gruppe nachfolgender Bücher ein.

Zum Inhalt: Judith, Ende dreißig, ist Single und führt ein eigenes Lampengeschäft. Eines Tages fährt ihr im Supermarkt ein Mann mit seinem Einkaufswagen in die Hacken. Er entschuldigt sich, sie nickt es ab und beide gehen wieder auseinander. Wenige Tage später steht besagter Mann, Hannes, in Judiths Lampengeschäft, um sich bei ihr noch einmal zu entschuldigen – er habe sie zufällig beim Betreten des Geschäfts gesehen.

Wie zu erwarten war, kommen sich Judith und Hannes näher, beginnen schließlich eine Beziehung. Hannes ist Feuer und Flamme, überschüttet seine Angebetete mit Zuneigung und Aufmerksamkeiten. Judiths Familie ist vom neuen Freund auf Anhieb begeistert. Judith selbst hingegen wird nach anfänglicher Freude immer verhaltener. Je einnehmender Hannes wird, desto weiter scheut sie zurück.

Man ahnt bald, dass die unausgeglichenen Anziehungskräfte die jungen Beziehungsbande zu Fall zu bringen drohen. Nach einer gemeinsamen Urlaubsreise ist für Judith klar, dass sie die Beziehung beenden will. Doch Hannes lässt sich von seiner Zuneigung nur schwer abbringen und wird zum Stalker.

Von diesem Moment an kann man annehmen, dass „Ewig Dein“ als Psychothriller gedacht war. Leider wird dies in keiner Weise konsequent durchgesetzt. Insbesondere der Mischmasch aus ernster und salopp witziger Erzählweise trägt dazu bei, dass Sympathie und Nachvollziehbarkeit sich nicht wirklich einstellen wollen, von Spannung ganz zu schweigen. Die „Person A: ‚Antwort A‘ Person B: ‚Antwort B.'“-Schreibweise, die im Roman merklich oft angewendet wird, ist anfangs nett, bald aber recht ermüdend. Einen drastischen Dämpfer verpasst auch Judiths Auszubildende Bianca, die in ur dem coolen Slang spricht, der mal ur volle arg nicht auszuhalten ist.

„Oder ist es wegen Ihrem Exfreund?“, fragte Bianca. Judith richtete sich auf und schaute das Lehrmädchen erstaunt an. Bianca: „Der ist noch immer superlästig, stimmt’s?“ Judith: „Ja, das ist er.“ Bianca: „Manche brauchen eben volle lang, bis sie’s begreifen.“ Judith: „Er beobachtet mich. Er folgt mir auf Schritt und Tritt. Er weiß alles, was ich mache.“ Bianca: „Echt? Superarg bitte. Wie ein Gespenst.“

Authentizität ist, auch wenn man so fein den Genitiv ignoriert, was anderes. Generell wird, sobald die Beziehung von Judith und Hannes kippt, die Handlung immer chaotischer und die Gedankengänge Judiths immer weniger nachvollziehbar. Wenn dann am Ende alle wirren Handlungsstränge in einem finalen Höhepunkt der Abstrusität zusammenlaufen, will man eigentlich nur noch mit dem Kopf schütteln.

Man mag seine Erwartungen an Daniel Glattauer nach den wirklich gelungenen Romanen „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ hoch ansetzen – sollte man aber vielleicht besser nicht.

♠ Daniel Glattauer: Ewig Dein. Deuticke Verlag 2012, 208 Seiten, gebunden, 17,90 Euro. ISBN: 978-3552061811. ♠

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Anrufung der großen Jury

Am 5. Juli 2012 beginnen sie wieder: die Lesungen zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur. Zum 36. Mal wird dann am 8. Juli 2012 der Ingeborg Bachmann-Preis vergeben.

Wie gewohnt, kann man Lesungen, Diskussionen und das Drumherum auf 3sat live mitverfolgen und das zu den folgenden Zeiten:

5. Juli: 10.15 bis 15.15 Uhr
6. Juli: 10.15 bis 15.15 Uhr
7. Juli: 9.45 bis 14.00 Uhr
8. Juli: 11.00 bis 12.00 Uhr – Preisverleihung

Sollte man zu diesen Terminen keine Zeit haben, besteht die Möglichkeit, sich die einzelnen Beiträge im Archiv der Seite bachmannpreis.eu später anzusehen.

In jedem Fall sind die Tage der deutschsprachigen Literatur sicherlich auch in diesem Jahr sehenswert und unterhaltsam und generell immer eine Empfehlung wert.

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Nur einmal das Meer

Von Anfang an ist klar, dass etwas faul ist. Etwas stimmt nicht mit der Reise, die die Erzählerin in „Meeresrand“ mit ihren zwei kleinen Söhnen macht. Einmal das Meer sehen sollen sie, einmal eine Reise machen – etwas, das sich die Mutter vorher nie leisten konnte. Und so misstrauisch wie die der neunjährige Stan und der fünfjährige Kevin ist auch der Leser.

Schon nach ein paar Seiten wird die erste Vermutung zur Gewissheit: Die Reise ans Meer soll eine Fahrt ohne Wiederkehr sein. In gehetzten Sätzen, oftmals ohne Punkt und Komma, schildert die Erzählerin ihre Angst vor der Welt, ihre Armut, ihre Hoffnungslosigkeit, ihre Scham. Die Außenwelt besteht aus ihrer Sicht ausschließlich aus feindseligen oder fremdartigen Menschen, aus den „Anderen“, die sich gegen sie gewandt, die sie ausgeschlossen haben. Die Außenwelt ist die Hölle, der Kontakt zu anderen ein Krieg. Die Erzählerin ist rastlos, mutlos und findet nicht einmal im Schlaf einen Moment der Ruhe, der helfen könnte, ihre Lebenskrise zu überstehen.

Hatte ich die letzte Nacht verbracht wie alle anderen? War es das, was die anderen jeden Abend erwartete, eine Belohnung, weil sie gut durch den Tag gekommen waren? Auf mich wartet nie eine Belohnung, mein Schlaf ist wie ein scharfes Messer, das die Seile durchtrennt, an die ich mich tagsüber klammere. Nachts werde ich losgemacht, abgeschnitten.

Dieser kurze Roman macht wütend. Er hält den Leser in einer andauernden Ohnmacht gefangen, lässt ihn miterleben, wie zwei hilflose Kinder von ihrer Mutter vom Rand der Armut an den Rand der Existenz geführt werden. Ebenso hilflos folgt man der Mutter, die ihr allerletztes Kleingeld in ein wenig letzten Spaß für ihre Kinder investiert.

Es gelingt nur zeitweise, Mitgefühl für die Erzählerin aufzubringen, die offenbar selbst nicht viele schöne Seiten des Lebens erfahren hat und ihren Kindern dies nun ersparen will. „Meeresrand“ ist ein sehr kurzer, enorm depressiver, bitterer Roman über einen Menschen, der keinen Ausweg mehr sieht. Hoffnungsschimmer? Nicht vorhanden. Was man davon halten soll? Das weiß man nicht so wirklich.

♠ Véronique Olmi: Meeresrand. btb Verlag 2004, 128 Seiten, Taschenbuch, 7,50 Euro. ISBN: 978-3442732296 (Jahr der Erstausgabe: 2001). ♠

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